1. Jul.

Das starke Ich

Gepostet von

Selbstführung als erster Schritt

Authentisch sein, bedeutet noch lange nicht, ungefiltert alles der Welt zur Verfügung zu stellen. Und souverän werden wir erst dann, wenn wir unsere innere und somit auch äußere Steuerung bewusst gestalten.

Um führen zu können, auf aktuelle Anforderungen, komplexe Umwelten eingehen zu können und Menschen mit Strategien zu verbinden, ist die Selbstführung der erste Schritt, um wirkungsvoll zu sein.

Was muss man erfahren haben, um eine starke Führungspersönlichkeit zu werden?

…vor allem sich selbst
Dieses Selbsterfahren gelingt durch eigene, tiefe Auseinandersetzung mit sich und mit der eigenen Umwelt. Die Beschäftigung mit sich alleine macht jedoch noch keine starke Persönlichkeit aus. In der Begegnung mit anderen, dem Erkennen, wie man auf andere wirkt, was man bei anderen auslöst und welche Hinweise man dadurch über sich selbst bekommt, ist genauso wesentlich wie die Innenschau, die Auseinandersetzung mit den eigenen Stärken, Schwächen, Erwartungen an sich und die Welt und der Bereitschaft, sich darauf einzulassen – mit aller Konsequenz. Denn sich selbst erfahren und kennen lernen bedeutet auch eine Auseinandersetzung mit den eigenen Schattenseiten, den verdrängten Persönlichkeitsanteilen, den unbewusst verborgenen Bereichen. Und diese Reise ist ein eigenes Abenteuer, erkenntnisreich, teilweise auch verunsichernd und nicht nur angenehm.

Nachahmung als gemeinsames Prinzip der Künste. Lorenzo LippiWenn wir das Kunstwerk betrachten: Was sehen wir? Eine starke Frau, mit klarem Blick. Sie wirkt präsent und weich, offen und hält Distanz. In der linken Hand hält sie einen geöffneten Granatapfel – ein Sinnbild für Vollkommenheit, ein Symbol für Einheit in der Vielheit, für Fülle und für schöpferische Gestaltungskraft. In der rechten Hand zeigt sie ihre Maske. Sie selbst entscheidet, wann sie die Maske aufsetzt und wann sie ihr Inneres zeigt.

Das Wissen über die eigene Persona – unser im außen sichtbares Ich – und die Fülle unserer inneren Persönlichkeit ist ein wesentlicher Aspekt. Bewusst zu steuern was wir wann und vor allem wie nach außen bringt macht uns stark.

Eine Prise Psychologie – Persona
Persona bezeichnete ursprünglich eine im antiken griechischen Theater von den Schauspielern verwendete Maske. In der Tiefenpsychologie gilt die Persona als „äußere Persönlichkeit“ als eine Voraussetzung der Möglichkeit zur Kommunikation mit der Außenwelt. Gleichzeitig dient sie auch als eine Art Hülle der inneren Persönlichkeit zum Schutz des „individuellen Ichs“ und gibt ihm die nötige Distanz.

Nicht alle stark wirkenden Menschen sind auch starke Persönlichkeiten. Denn eine Ich-Stärke ist nicht nur erkennbar an oberflächlicher Stärke sondern an tiefer Erkenntnis. Mit der Persona möchten wir im Außen bestätigt werden. Wir zeigen uns mit den idealen Facetten unserer Persönlichkeit. Was aber nicht ideal an uns ist, bleibt verborgen. Eine starke Persönlichkeit weiß sowohl über ihren äußeren, bewussten Charakter Bescheid und setzt sich auch mit ihrem eigenen inneren, unbewussten Charakter und Schattenanteilen auseinander und steuert bewusst die Verbindung von innen nach außen. Denn nicht alles, was für uns sichtbar und spürbar ist, ist auch immer sinnvoll, ungefiltert nach außen zu bringen.

Wo viel Licht ist, da ist auch viel Schatten.

shoadowland

Der oben erwähnte „Schatten“ ist nicht als Wertung zu verstehen, sondern bezeichnet lediglich die unbewussten Anteile unseres Selbst. Der Schatten löst sich nicht von uns, sondern begegnet uns in unseren Projektionen. Wenn wir unseren Schatten nicht in unsere Persönlichkeit integrieren, schwächt uns das. Reife Persönlichkeiten sind nicht schattenlos, sondern sind sich ihrer Schattenanteile bewusst, wissen über eigene innere Prozesse, und wie diese im außen wirken Bescheid, und haben somit eine tiefere Erkenntnis über sich und die Begegnung mit anderen. Das macht uns dann weniger „ideal“, dafür aber lebendiger, menschlicher und toleranter. ” (Verne Kast)

Kennen Sie Peter Schlemihls wundersame Geschichte von Adelbert von Chamisso? Der Mann, der seinen Schatten für Gold verkauft und erfahren muss, dass er ohne Schatten unvollkommen ist. Den eigenen Schatten loswerden? Nein, versuchen Sie es gar nicht – die Mühe kann sich niemals lohnen und es würde etwas Wesentliches fehlen.

Projektion

Was Paul über Peter sagt, sagt mehr über Paul aus als über Peter. (Baruch de Spinoza)

I see you

Die Analytische Psychologie geht davon aus, dass wir insbesondere unseren Schatten nach außen projizieren. Projektion bezeichnet den Mechanismus, dass wir etwas, das wir bei uns selbst nicht sehen können, in unserer Umwelt wahrnehmen.

Das kann sich zum Beispiel so zeigen, wenn jemand, der Aggression projiziert, sich ständig darüber beklagt, wie aggressiv alle Menschen in seiner Umgebung sind, sich selbst für den friedliebendsten Menschen der Welt hält. Eine Führungskraft, die den eigenen Zugang zu ihren tiefen Gefühlen nicht zulässt, ist irritiert, wenn ihre Mitarbeitenden starke Emotionen zeigen, da sie für sich selbst einen hohen Anspruch an Kontrolle hat. Ein Manager, der sich wundert, warum sein Team hohe Abhängigkeit zeigt, wenn es um Entscheidungen geht, projiziert unter Umständen sein eigenes Bedürfnis, gebraucht zu werden, nach außen und lehnt es gleichzeitig innerlich ab. Auch ungelebte positive Gefühle können nach außen projiziert werden, wie zum Beispiel die volle Bewunderung für eine mutige Kollegin oder die Begeisterung für einen durchsetzungsstarken Kollegen.

Nicht alles ist Projektion. Doch dort wo wir starke Gefühle in uns bemerken oder wiederkehrende Themen erleben, könnte es sich lohnen, genauer hinzusehen, zu beobachten, was wir möglicherweise nach außen projizieren und auch zu erkennen, wo wir uns selbst als Projektionsfläche für andere anbieten.

Warum ist es sinnvoll, sich selbst besser kennen und verstehen zu lernen?

Mahamtma Gandhi hat gesagt: „Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünscht für diese Welt.“ In diesem Zusammenhang ist Selbsterkenntnis also nicht nur der Schlüssel zu uns selbst, sondern auch ein Schlüssel für die Welt. Selbsterkenntnis macht uns innerlich freier. Ein Potential, das wir dann nicht nur eigennützig verwenden, sondern auch als Stärke nach außen bringen können. Die großen Überschriften „Sinnvoll und verantwortlich handeln“, „souverän sein“, „Anteil nehmen“, „einen Beitrag leisten“ in uns zu finden, drückt sich dann auch in einer Stärke aus, wie es die Welt braucht.

Und damit es auch ernst endet: „Wer nicht über sich selbst lachen kann, der nimmt das Leben nicht ernst genug“. Vergessen Sie also nicht, neben dem Erlangen von Tiefe und Reife ausreichend Unreife und Leichtigkeit sich selbst und anderen gegenüber zu bewahren.

Elisabeth Sechser im Web
elisabeth.sechser@sichtart.at ∙ www.sichtart.at
XING  ∙ LinkedIn ∙ Facebook

Bildnachweis: Kunstwerke: Nachahmung als gemeinsames Prinzip der Künste, Lorenzo Lippi (1606-1665), Musée des Beaux Arts; Die Illustration „I see you“, nuvolanevicata, Fotolia; Foto: Shadowland, Sebastian Konopka

Quellen-Auszug:  Symbolon AG, synTeam Dr. Kraft, changeX – in die Zukunft denken, Jung, Carl Gustav: Psychologie und Alchemie., Jacobi, Jolande: Die Psychologie von C.G. Jung. Eine Einführung in das Gesamtwerk. Verena Kast: Der Schatten in uns, Die subversive Lebenskraft

31. Mai.

Was kann passieren, wenn wir den Schwachen eine Chance geben?

Gepostet von

Mit schlechtem Start und viel Potenzial

Wenn wir Potenzial als noch nicht ausgeschöpfte Möglichkeit verstehen, müssten die Schwächsten am meisten davon haben. Warum fördern Unternehmen fast ausschließlich die Erfolgreichen, die sogenannten High-Potentials? Dies gilt es in Frage zu stellen, denn welche Chancen wir verpassen können, zeigen die folgenden vier ganz unterschiedlichen Geschichten.

Suche Kandidaten mit schlechten Noten
Im Artikel „Warum ein Unternehmer Azubis mit schlechten Noten einstellt“ beschreibt Miriam Eckert eine berührende Geschichte zum Thema Potenzialentfaltung von Lehrlingen. Dem Berliner Unternehmer Jürgen Stark sind die Zeugnisse der jungen Menschen nicht so wichtig, die Förderung dafür umso mehr. Er nimmt sich viel Zeit für das Bewerbungsgespräch. Versucht zum Beispiel zu klären, ob die KandidatInnen ehrlich sind, ihm in die Augen schauen und frei reden können. Seine Entscheidung bezieht er auf menschliche Voraussetzungen und ob die Chance der Entwicklung besteht. Er fördert und motiviert seine Lehrlinge, indem er ihnen lösbare Aufgaben gibt. So nehme er sich für die jungen Menschen Zeit, bleibe mit ihnen im Gespräch und könne mittelfristig erstklassige Mitarbeitende gewinnen.  Link zum Artikel

Vincent_van_Gogh_-_National_Gallery_of_ArtVerkanntes Genie
Das Selbstportrait von Vincent van Gogh zeigt ihn ein Jahr vor seinem Tod, im Alter von 37 Jahren.

Das Gesicht ausdrucksstark, gezeichnet von Entbehrungen und Not. Kaum jemand hat ihm zu Lebzeiten eine Chance gegeben. 100 Jahre später werden seine Werke zu unermesslichen Preisen gehandelt.

Es ist anzunehmen, dass der verrückte van Gogh wenig Förderung gebraucht hätte, um besser und länger leben zu können. Er hätte seine Genialität zur weiteren Entfaltung bringen und damit sein Werk wachsen lassen können. Seine Förderer hätten im Laufe der Zeit ein wertvolles Vermögen gewonnen, die Menschheit weitere Werke erhalten, die in ihrer Intensität und Ausdruckskraft einzigartig wären.    

 

Früh gelernt, wie man es „nicht macht“
Ein junger Unternehmer erzählte mir, dass er als Kind zum Zeitpunkt seiner Einschulung zu seinen Eltern nach Zentraleuropa nachgeholt wurde. Durch sein unterschiedliches Aussehen ständig gehänselt, von Lehrkräften im Stich gelassen, schlug er sich im Mangel der Deutschen Sprache auch körperlich durch. Der leidvolle Weg setzte sich auch in den ersten frühen ausbeutenden Jobs weiter. Er erzählte, dass ihm aus jetziger Sicht die damals schwierigen Bedingungen die Motivation und Kraft gaben, für seine Familie und sich ein gutes Leben zu schaffen. So ging er mit viel Arbeitseinsatz konsequent den eigenen Weg. Er habe früh gelernt, wie man es „nicht macht“. Sein Führungsstil und Unternehmertum ist ein engagiertes, chancengebendes Miteinander. Sein erfolgreiches innovatives Unternehmen bekommt internationale Anerkennung und steht in jeder Beziehung für Service und Qualität.

Tägliche Handlungen machen den Unterschied
Während ich diesen Blogartikel schreibe setze ich mich auch persönlich verstärkt mit dem Fördern der Schwachen auseinander. Die Wirkung zeigte sich bei einer einfachen Handlung, dem Kauf einer Salbeipflanze. Die Einzige noch zu Habende war vertrocknet und hing schlapp über den Topfrand. Schnell stellte ich sie zurück ins Regal und machte mich mit dem Einkaufswagen weiter zur Abarbeitung der Liste. Ich erinnerte mich dabei an den Berliner Unternehmer und fragte mich, ob ich dem Salbei doch eine Chance geben könnte. Gewässert und eingesetzt hat er sich zu meinem Erstaunen in nur 2 Stunden prächtig erholt. Ich erlebte durch ihn ein erhellendes Erfolgserlebnis und Freude, dass er es geschafft hatPotenzial_Salbei_www.symbolon.com.

 

Erfolg durch Menschlichkeit
Wenn die Starken und somit Privilegierten den scheinbar Schwachen Chancen geben, gewinnen Alle. Jürgen Stark beschreibt wie auch er persönlich von dem vermeintlich schwierigen Zuwachs im Betrieb profitiert: „Weil ich auf das Verhalten der Azubis achte, nehme ich auch mein eigenes Verhalten bewusster wahr.“ Im empathischen Miteinander schärfen wir unsere Reflexionsfähigkeit. Die bewusstere Selbstführung hilft situationsadäquat einzuwirken und somit die Effizienz zu steigern.

Der Hirnforscher Prof. Dr. Gerald Hüther zeigt auf, dass wenn wir Andere als Objekte behandeln und benützen, Potenzialentfaltung verhindert wird. Beziehungsfähigkeit, ehrlicher Umgang und gegenseitige Förderung sind zentrale Führungsqualitäten.

Besonders in herausfordernden Zeiten brauchen wir Ermutigung, frühzeitig und freiwillig die Komfortzone zu verlassen. Es ist ein Gewinn von Benachteiligten zu lernen und positiv überrascht zu werden, denn sie verfügen oft über eine hohe Resilienz. Haben es die Schwachen geschafft, geben sie meist um ein Vielfaches zurück.

Chancengebende Entscheidungen und Handlungen sind gelebte Menschlichkeit, um die es schlussendlich geht. Die positive Auswirkung sind Wertschätzung, Loyalität und Lebensqualität. Darin liegt die Chance für wirkliche Führung, die sich am Menschen orientiert und gleichzeitig wirtschaftlich erfolgreich ist.

Christine Kranz im Web
christine.kranz@symbolon.com ∙ www.symbolon.com
XING ∙ LinkedIn ∙ Twitter ∙ Facebook

Bildnachweis: Kunstwerk: Self-Portrait, 1889, Vincent van Gogh (1853-1890), National Gallery of Art, Washington D.C.; Foto: Christine Kranz

21. Apr.

Das ist nicht fair!

Gepostet von

Auswirkungen egozentrischer Entscheide

Das ist einfach nicht fair! Wie oft hatten Sie diesen Gedanken nicht schon! Aber was ist Fairness? Veränderungen gehören beruflich wie privat zum Alltagsleben und prinzipiell haben wir ja auch nichts dagegen, denn sie bergen neue Chancen, Abwechslung und Entwicklungspotenzial. Veränderungen geschehen auch nicht einfach – sie werden verursacht von Entscheidern. Doch wie ist es denn mit den Entscheidungen, die diesen Veränderungen zugrunde liegen? Meistens sind wir an den Auswirkungen beteiligt – doch als Führungskräfte initiieren und verursachen wir sie mit unseren Entscheidungen, deren Auswirkungen Andere zu spüren bekommen.

Wann sind Entscheidungen fair?
Die gängige Lehrmeinung bezeichnet Entscheidungen als fair, wenn sie

  • stakeholder orientiert,
  • abgesprochen und
  • transparent sind.

Stakeholder-orientiert bedeutet, dass sämtliche Menschen, die von den Auswirkungen betroffen werden, im Entscheidungsprozess berücksichtigt und einbezogen werden. Wenn für bestimmte Menschen oder Gruppen Nachteile aus der Entscheidung entstehen, sollen sie darauf zählen können, dass diese nach Möglichkeit minimiert und/oder aufgefangen werden.

TeamentscheidungMit „abgesprochen“ meint man, dass Entscheide nicht isoliert gefällt, sondern erläutert werden und idealerweise Zustimmung eingeholt wird. Interessengruppen sollten im Entscheidungsprozess anwesend oder adäquat vertreten sein, denn Teamentscheide sind – was auch die Forschung belegt – praktisch immer besser als Einzelentscheide. Einwendungen und konstruktive Kritik helfen, soweit sie konstruktiv sind, den Entscheid zu verbessern und die ungünstigen Auswirkungen zu minimieren. Auch hilft der Einbezug aller Betroffenen, die Akzeptanz einer Entscheidung zu erhöhen und sie auf die kommenden Veränderungen vorzubereiten, so dass sie diese nicht als Schock empfinden.

Unter „transparent“ verstehen wir, dass die Entscheidung, sowie die ihr zugrunde gelegten Kriterien, nachvollziehbar sind. Die Kriterien sollten logisch, rational und verständlich sein, damit die Entscheider auch öffentlich dazu stehen können. Betroffene haben nämlich ein ungemein sensibles Gespür für die Qualität von Entscheidungen und den dahinter liegenden Interessen.

Die Fairness von Entscheidungen können wir sehr gut abschätzen: Dienen sie der Allgemeinheit oder nur einer kleinen Gruppe oder einer Einzelperson? Sind Vorteile und Nachteile der Veränderungen gut überlegt und abgewogen worden? Sind die Konsequenzen tragbar für die nachteilig Betroffenen? Gibt es Hilfestellungen beim Übergang? Führen Sie zu einer positiven Veränderung, die der Allgemeinheit, resp. der Mehrheit zugute kommt? Sind die Entscheidungen abgestützt auf ein Gremium und von Datenmaterial unterstützt? Ist nicht nur das Ziel, sondern auch der Prozess klar für die Umsetzung?

Gute Entscheidungen sind immer auch faire Entscheidungen und sie überzeugen.

Christina Kuenzle im Web
christina.kuenzle@symbolon.com ∙ www.symbolon.com
XING ∙ LinkedIn

Bildnachweis: © Shutterstock

Dieser Artikel ist im Businessmagazin Ladies Drive erschienen.

9. Feb.

Mehrdimensionales Coaching mit Achtsamkeit und Wertfreiheit

Gepostet von

Sensibel, fragil und höchst leistungsfähig

Der Mensch ist ein komplexes Wesen. Wie schaffen Coaches die verschiedenen Ebenen und Dimensionen zu beleuchten? Den Kunden gerecht zu werden, sie in ihrer mehrdimensionalen Welt abzuholen und zu begleiten?

Ich lade Sie zu einer Videoanimation (20 sec.) über die neuronale Aktivität des Hirns ein. Wenn Sie in den Vollbildmodus wechseln, erleben Sie die Hirnaktivitäten intensiver. Vielleicht möchten Sie beobachten, was der Film in Ihnen auslöst und versuchen, den Prozess und das Wesen des Hirns zu erfassen:

 

Was sind Ihre spontanen Gefühle und Gedanken?
Was braucht das Hirn für seine Regeneration und Entwicklung?
Was brauchen Sie für Ihre Weiterentwicklung?

Jedes Hirn ist ein vielschichtiges und komplexes Werk. Sensibel, fragil und hoch leistungsfähig. Wenn Coaching und Trainings auf verändertes Verhalten abzielen, wird der Mensch vordergründig und kurzfristig in seiner Herangehensweise gepuscht, jedoch innerlich in der Psyche durch Botschaften wie „ich bin nicht ok“, „ich muss die Erwartungen erfüllen“ oder „mit mir stimmt etwas nicht“ verunsichert. Interventionen, die mit Erfolgsdruck und Motivationsmodellen manipulieren und indirekt Ängste schüren, bringen Menschen immer mehr von dem, was sie sind, weg. In unserer Kultur wird schon jungen Menschen erklärt, dass sie im Sinne „höher, schneller, weiter …“ sein sollen und was von ihnen erwartet wird. So werden Menschen durch die Erfüllung von Erwartungen und künstliche Anpassung innerlich immer mehr verunsichert.

Das Ergebnis ist, dass zum Beispiel eine Führungskraft, die innerlich unsicher ist, kompensiert, indem sie machthungrig das Umfeld ausnützt und distanziert bleibt. Um innere Ängste nicht zu spüren und „zu überleben“ entscheidet und handelt sie für den eigenen Vorteil und kann so in eine destruktive Maßlosigkeit geraten. Genauso kann es sein, dass eine andere Führungskraft, die innere Unsicherheit, durch eine überkritische Haltung kompensiert. Im Wunsch Gutes zu tun und „die Welt retten zu wollen“ kann auch sie egozentrisch und unnahbar wirken. Die Kompensationsmöglich-keiten sind vielschichtig und unterschiedlich. Für alle gilt: Je stärker ein Mensch unbewusst und auf Kosten anderer kompensiert, je schwächer ist seine innere Persönlichkeitsentwicklung.

Coaches brauchen psychologische Kenntnisse und Erfahrungen, um die vielfältigen Kompensa-tionen zu erkennen. Mit einer sensiblen und empathischen Begleitung können sie Kunden höchst wirksam in ihre inneren Ebenen führen. Dazu müssen sie mit den Kunden ohne Erwartungen und Wertungen die versteckten Unsicherheiten und Muster beleuchten. Die Kunden werden durch den eigenen Reflexionszugang und neue Erfahrungen gestärkt. Die persönliche Geschichte mit allen Ereignissen ist im Hirn abgespeichert und ermöglicht in integrierter Form Potenziale frei zu setzten. Wenn es gelingt, wesentliche und tiefe Selbsterkenntnisse zu erlangen, geschieht wie von selbst ganzheitliche Persönlichkeitsentwicklung.

Damit Coaches dem mehrdimensionalen Menschen gerecht werden können, ist die eigene Persönlichkeitsentwicklung unerlässlich. Neben hoher Fachkompetenz brauchen sie Reflexionskompetenz, Achtsamkeit und Hingabe. In Coaching-Prozessen, welche mit Wertfreiheit geführt werden, entwickeln sich Menschen wirksam aus sich heraus weiter. Verdrängte oder unbewusste Unsicherheiten, die sich im Hirn als destruktive Muster „Fehlschaltungen und Blockaden“ manifestiert haben, können sich lösen und wandeln. Wird der Fluss in der menschlichen Schaltzentrale hergestellt, wird auch der Lebensfluss mit allen Funktionen und Zugängen befreit. Coaching mit Empathie und Tiefe öffnet den Menschen für echte Selbstreflexion, welche seine individuelle innere Ordnung herstellt und seine Mehrdimensionalität in Einklang bringt.

Weiterführende Informationen
Maintaining and promoting excellence in coaching – der Code of Ethics vom ICF
Reflexionskompetenz trainieren – der Symbolon-Lehrgang

Christine Kranz im Web
christine.kranz@symbolon.com ∙ www.symbolon.com
XING ∙ LinkedIn ∙ Twitter ∙ Facebook

Filmnachweis: © Shutterstock: Neuronal Activity

13. Nov.

Gelebte Visionen

Gepostet von

Die Vision steht für die meisten erfolgreichen Menschen im Zentrum ihrer Aufgabe.

Im Management ist das Wort „Vision“ mittlerweile schon fast nicht mehr wegzudenken und wehe dem, der keine hat. Doch was sind denn Visionen wirklich? Nicht alle schaffen es von Kate zu Duchess Catherine zu werden und nicht aus jeder Nachwuchsfrau wird eine erfolgreiche Geschäftsfrau oder Top Managerin. Nicht alle Unternehmerinnen werden Millionärinnen und nicht alle Sportlerinnen gewinnen Gold in der Weltklasse. Spielen Visionen dabei wirklich eine Rolle? In Interviews überrascht es immer wieder, dass Karrieren nicht geplant wurden, sondern „einfach so“ entstanden sind. Die Visionen werden dann so zu sagen nachgeliefert, nachdem der Erfolg sich schon eingestellt hat. Und doch: nachhaltig erfolgreiche Menschen haben eine ganz starke Vorstellung von was sie im Leben tun und erreichen möchten und sie leben dieser ziemlich kompromisslos nach.

Familienfrau oder doch CEO?
Der Unternehmer – nennen wir ihn hier Andreas Z. – war schon etwas in die Jahre gekommen. Seine drei akademisch gebildeten Söhne hatten ihren Berufseinstieg erfolgreich gemeistert und Andreas Z. hoffte, dass sie einst das Unternehmen übernehmen und weiter ausbauen würden. Eilig hatten es letztere jedoch nicht mit der Machtablösung – sie pflegten lieber ihre teuren Hobbies. Für die Tochter Roxanne – obwohl auch sie mit Studienabschluss – war anderes geplant: Sie würde dereinst wohl heiraten – allenfalls wäre der potentielle Schwiegersohn ein künftiger Nachfolger. Doch es kam alles anders! Die Wirtschaftskrise hinterließ tiefe Spuren im elterlichen Geschäft, ein drohender Konkurs war nicht mehr auszuschließen. Die Söhne verloren ihr bescheidenes Interesse am Einstieg und empfahlen ihrem Vater, die Firma zu verkaufen. So entschied sich Roxanne, die mittlerweile mit einem Künstler verheiratet war, ihre ganze Kraft einzusetzen, um die wankende Firma zu sanieren und weiterzuführen. Sie wusste zwar nicht genau warum, aber es schien ihr, dass das von ihrem Urgroßvater gegründete Unternehmen nicht vor die Hunde gehen dürfte. Unterstützung  bekam sie anfangs wenig. Weder ihr Vater, noch die Brüder noch die Bank trauten ihr das Abenteuer zu. Erst nach mehreren Monaten Überzeugungsarbeit wurde sie „zugelassen“. Heute ist sie eine erfolgreiche CEO, nicht ohne Rückschläge, aber mit großer Überlegtheit und Motivation und extrem hohem Einsatz. Obwohl es ihr gelungen ist, das Unternehmen wieder auf Kurs zu bringen, weiß sie, dass noch viele, vielleicht wesentlich grössere Herausforderungen auf sie warten. Sie ist zufrieden und stolz, ohne dass sie dabei ihren Willen, ihre Bescheidenheit und ihre sachliche Haltung eingebüßt hätte.

Viel arbeiten ist noch längst nicht Karriere machen….
Marita hatte es schon schwieriger. Ihr Erststudium in Mathematik führte nicht zu einem befriedigenden Job, so studierte sie Volkswirtschaft und schloss mit Doktorat ab. Um schnell viel Geld zu verdienen, ließ sie sich von einer Investment-Bank anheuern, doch da gefiel ihr die Kultur nicht. Sie machte sich selbständig als Finanzberaterin, um ihr Leben besser gestalten zu können, doch das erwies sich als schwieriger als sie sich dies vorstellte. Dank ihrer reichhaltigen praktischen Erfahrung, ausgezeichneter Referenzen und einem guten Netzwerk schaffte sie den Einstieg als Professorin mit Teilzeitpensum an einer Fachhochschule, doch auch das füllte sie nicht aus. Sie engagierte sich in verschiedenen Projekten und start-ups, um ihr, wie sie meinte, eintöniges Berufs- und mangelndes Privatleben aufzupeppen. Eine unfreiwillige Zäsur führte zu einigen Monaten „sabbatical“, in welchen sie sich mit ungewohnten Dingen auseinandersetzte, um ihrem Leben eine neue Richtung zu geben. Zufällig traf sie auf eine Idee, welche sie restlos begeisterte! Sie forschte, sie lernte, sie schrieb, sie entwickelte, sie publizierte, sie netzwerkte und je mehr sie sich mit der Materie auseinandersetzte, umso mehr wollte sie sich für genau dieses Thema engagieren! Sie hatte das gefunden, wonach sie ihr Leben lang gesucht hatte! Damit wollte sie sich nun exklusiv befassen, davon leben, darin Meisterschaft erlangen und international ganz vorne dabei sein.

Was verbindet die beiden Geschichten? Beide Frauen hatten nicht mit einer Vision angefangen, sondern sie sind darauf gestoßen. Visionen haben nun mal die Tendenz, uns zu finden; etwa so, wie die Liebe uns und nicht wir die Liebe finden……. Doch auch hier können wir ein bisschen nachhelfen.

Lassen Sie sich berühren!
Während wir ganz ohne Absicht durchs Leben flanieren treffen wir auf Dinge und Situationen, die uns freuen, begeistern, ärgern, traurig machen oder entsetzen. Meistens flauen diese Gefühle nach kurzer Zeit wieder ab, weil wir uns nicht oder (zu) wenig darauf einlassen. Doch genau diese Emotionen sind Einladungen für Visionen. Ob wir unser Leben geben wollen für etwas, das uns fasziniert, oder ob wir eine Misere in etwas Positives verwandeln möchten – Visionen mögen im Kopf entstehen, tragfähig werden sie jedoch nur, wenn wir unser Herz beteiligen. Roxanne bedrückte es, dass das Familienunternehmen pleite gehen oder verkauft werden sollte, Marita fand ihre große Liebe in form einer zündenden Idee, die sie anspornte.

Sind Sie oder Ihre Vision grösser?
Solange wir nicht bereit sind, etwas Grösserem zu dienen als wir selber sind, beschränken wir uns auf das Machbare. Typischerweise liegen Visionen an der Peripherie unserer Möglichkeiten: wir wissen nicht, ob sie gelingen, aber wir sind bereit, alles dafür einzusetzen. Das macht Visionen auch gefährlich, denn wie viele haben ihr Leben, ihre Gesundheit, ihr Vermögen oder ihre Beziehungen auf’s Spiel gesetzt und eventuell sogar verloren, um ihre Visionen zu erfüllen. Marita hat ihre Stelle aufgegeben und alles auf eine Karte gesetzt, Roxanne hat ihr Familienleben und ihr Vermögen eingebracht.

Ist es Wahnsinn oder Vision?
Visionen sind ursprünglich mystische Erfahrungen, meist mit religiösem Charakter. „Sehende“ wurden sowohl als Propheten und Orakel verehrt, wie auch verfolgt und als Hexen verbrannt. Visionen gehören auch zu den psychotischen Zuständen und werden psychiatrisch behandelt, denn sie sind weit mehr als einfache Vorstellungen und Phantasien: sie erfassen unser gesamtes Wesen, so dass wir ihnen folgen müssen. Jeanne d’Arc, die 18-jährige Bauerntochter zog aufgrund göttlicher Eingebungen in den Krieg und gewann die Schlacht bei Orléans gegen die Engländer. Mozart „hörte“ die Musik schon als kleines Kind, er konnte sie einfach niederschreiben. Ein Berufswunsch, der schon in jüngsten Jahren entsteht und konsequent umgesetzt wird, kann eine Vision sein, oder das tiefe Wissen darum, wo man einmal leben wird.

Wie können wir unterscheiden, ob unsere Vision eine gesunde oder eine kranke ist? Es gibt dazu einen Grundsatz: wenn es richtig ist, ist es irgendwie einfach und geht ganz leicht: Das, was man sich vornimmt gelingt, Unterstützung kommt wie von selbst, wunderbare Zufälle ergeben sich und wir „wissen“ im Innersten, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Fingerzeige des Unbewussten
Der grösste Teil unseres Handelns und unserer Entwicklung läuft jenseits unseres bewussten Denkens ab. Im Unbewussten dürfte wohl auch das gespeichert sein, was wir Lebensaufgabe oder Seelenentwicklung bezeichnen. Wir finden unsere Vision am ehesten, wenn wir auf die Dinge achten, mit welchen wir Resonanz empfinden. Die Intuition – Eingebungen frei von Angst und Wunschdenken – hilft uns, die richtigen Entscheidungen zu treffen. C.G. Jung prägte das Zitat: „So lange wir das Unbewusste nicht bewusst machen, nennen wir es Schicksal“. Prüfen wir also, wo unsere Visionen herkommen! Dazu brauchen wir Zeit für Reflexion, Kontemplation und Meditation, resp. Tagträumen.

10 % Inspiration, 90 % Transpiration
Ohne konsequente Umsetzung wird aus der schönsten Vision nichts! Erst durch den vorbehaltlosen Einsatz, jahrelanges Üben und Experimentieren wird aus Vision Erfolg. Das Lebenswerk gelingt selten auf Anhieb. So hatte die heute Duchess Catherine und Gattin des englischen Kronprinzen William den Übernamen „waity Katy“, denn nach ihrer Trennung vor einigen Jahren glaubte außer ihr niemand mehr, dass das etwas werden würde aus der Beziehung mit dem begehrtesten aller englischen Junggesellen. Ähnlich geht es vielen Künstlerinnen und Wissenschafterinnen: Nur wenn sie sich und ihrer Vision gegen alle Widerstände treu bleiben gelingt – vielleicht – irgendwann der große Durchbruch.

Es gibt keinen Weg zum Glück – das Glück ist der Weg (Buddha)
Dieses großartige Zitat gilt auch für die Umsetzung der Vision. Diejenigen, welche das verfolgen, was für sie wirklich zählt, empfinden die Befriedigung nicht primär durch die Erfolge, sondern in erster Linie durch die Auseinandersetzung mit der Materie. Wer nur auf Resultate ausgerichtet ist, wird häufiger Frustration empfinden, als wer sich intensiv mit dem befasst, was ihr wichtig ist, sie interessiert und Spaß macht.

Christina Kuenzle im Web
christina.kuenzle@symbolon.com ∙ www.symbolon.com
XING ∙ LinkedIn

Bildnachweis: Mondlandschaft, 1892-1929, Albert Trachsel, Kunstmuseum Solothurn

Dieser Artikel ist im Businessmagazin Ladies Drive erschienen.

22. Sep.

Trends bei Reflexion in Organisationen

Gepostet von

Neue Erkenntnisse aus dem Projekt der Zusammenarbeit WU Wien und Symbolon AG

Reflexion in Organisationen zu untersuchen und die Effekte auf Wandel abzuschätzen war Kernelement der Zusammenarbeit zwischen dem Institut für KMU-Management der Wirtschaftsuniversität Wien und der Symbolon AG. Die erste Erkenntnisse liegen in Form einer sehr umfangreichen Arbeit von Beate Haslinger vor. Im Rahmen ihrer Literaturrecherche und durch Feedback- und Austauschgespräche zwischen akademischer und praxisorientierter Perspektive sind folgende Trends sichtbar geworden:

Trend 1: Wahrnehmung und innerer Referenzrahmen neues Zentrum der Reflexion
Das Verständnis von Reflexion im wirtschaftlichen Kontext war in der Vergangenheit durch einen analytischen und handlungsorientierten Zugang charakterisiert. Neuere Modelle der kritischen Reflexion richten den Fokus von außen nach innen und stellen die innere Erfahrung und Wahrnehmung in das Zentrum. Sie betonen, dass erst durch eine kritische Reflexion des inneren Referenzrahmens eine Veränderung der Perspektive möglich ist. Emotionen werden dabei weder thematisiert noch ausgeschlossen. Kritische Reflexion basiert nicht nur auf einem vertieften sondern auch erweiterten Verständnis von Reflexion. Der Kontext, wie soziale, politische und kulturelle Aspekte sind ebenfalls Gegenstand der Reflexion.

Trend 2: Nachhaltiger Wandel braucht neben Selbstreflexion auch organisationale Reflexion
Mit der Betrachtung des Referenzrahmens verlässt Reflexion den Boden der rein individuellen Erfahrung. Konzepte wie jenes der organisationalen Reflexion oder des Organisationsbewusstseins, die die Bewegung vom Individuellen zum Kollektiven betonen, gewinnen in der Literatur zunehmend an Bedeutung. Nur wenn neben Selbstreflexion auch organisationale Reflexion möglich ist, wird der Wandel in Organisationen nachhaltig unterstützt. Dabei ist vor allem die Haltung und das Verständnis aus dem heraus Reflexion stattfindet entscheidend.

Trend 3: Wachsendes Organisationsbewusstseins durch kritische Auseinandersetzung
Damit Reflexion sowohl die Mitarbeitenden als auch das Unternehmen stärkt, darf Selbstentwicklung nicht ausschließlich an den Einzelnen delegiert werden. Das organisationale Bewusstsein ist definiert durch die Reflexionsfähigkeit einer Organisation auf allen Ebenen. Nicht nur die Werte, Überzeugungen und Handlungsmuster des Einzelnen, sondern auch das Selbstkonzept der Organisation muss in Frage gestellt werden dürfen. Ein verändertes Problembewusstsein auf allen Ebenen entsteht, wenn die Psycho-Logik des Verhaltens in und von Organisationen reflektiert wird.

Die Trends zeigen, dass Reflexion auf allen Ebenen eine Basis für den organisationalen Wandel bildet. Selbstreflexion ist noch immer der erste Schritt zur Persönlichkeitsentwicklung, reicht aber nicht aus, um nachhaltige Veränderungen im Unternehmenskontext zu erreichen. Erst eine gemeinsame Reflexionskultur im Unternehmen ermöglicht nachhaltige Organisationsentwicklung.

Ansprechpartner Symbolon AG
Mag. Linda Baumgartner
linda.baumgartner@symbolon.com

Ansprechpartner Institut für KMU-Management der Wirtschaftsuniversität Wien
Univ.-Prof. Dr. Herbert Neubauer
herbert.neubauer@wu.ac.at

Quelle
Haslinger, Beate (2015). Relevanz und Nutzen von Reflexion in wirtschaftlichen Organisationen. Bachelorarbeit, Wien.

Bildnachweis: Magritte-Museum in Brüssel, verhüllt in 2009, dpa

16. Jul.

Mit intuitivem Wissen Entscheidungen treffen

Gepostet von

Wie wir den Sommer als Reflexionsraum nützen können

Öfter passiert es den meisten von uns, dass wir im Nachhinein sagen „ich habe es gewusst“ oder „es war schon am Anfang klar“ und „hätte ich nur anders reagiert“. Der Naturforscher Alexander von Humboldt sagte um 1800 „Überall geht ein frühes Ahnen dem späteren Wissen voraus.“ Wie gelingt es uns, wichtige Zeichen zu sehen, zu verstehen und Konsequenzen zu ziehen?

Entschleunigung bewirken
Wenn wir konstant mit hoher Geschwindigkeit unterwegs sind, können wir Eindrücke und Erlebnisse nur partiell verarbeiten. Die Gefahr ist, dass wir uns immer schneller durch unser Arbeitsleben bewegen und zu Getriebenen werden. Wir verlieren dabei die Verbindung zu unserem inneren Zentrum und geben zu viel Kraft undifferenziert nach außen. Der Ausstieg aus dem rotierenden Gedanken- und Emotionskarussell scheint mehr und mehr unmöglich. Um die Dynamik zu stoppen, brauchen wir eine bewusste Entschleunigung. Dazu gehört, nicht sofort auf Impulse von außen zu reagieren und sich für Entscheidungen Zeit zu lassen. Schaffen wir es, von der schnellen Handlung mehr in die Beobachtungshaltung zu wechseln, eröffnet sich ein neuer Blick auf uns selbst und unser Umfeld.

Distanz schaffen
Der Sommerurlaub ist ideal, um bewusste und klärende Distanz zu schaffen. Wenn es uns gelingt aus den Prozessen des Arbeitsalltags auszusteigen, können gewohnte Abläufe und eigene Muster durchbrochen werden.

Im Kunstwerk von Claude Monet ist dargestellt, wie die Natur zwischen dem Dorf und unserer Position liegt. Dies könnte die Distanz zu unserem gewohnten Umfeld symbolisieren, z.B. zu den Kommunikationskanälen wie Telefon, Email, Web 2.0 Plattformen etc.. Unerreichbarkeit führt uns unmittelbar näher zu uns selbst. Dabei können wir uns sammeln und zentrieren, ohne funktionieren zu müssen. Wir schaffen eine innigere Beziehung zu dem, was uns bewegt und was unsere eigene Natur ausmacht. Wir haben die Wahl, den Sommer mit Ruhe und Gelassenheit oder wild und lebendig zu erleben. Vor allem bietet die Sommerzeit mit dem vermehrten Freiraum die Chance, spontan zu sein und den intuitiven Impulsen zu folgen. Meist entsteht fast wie von selbst Entschleunigung und Druckentlastung, die sich wohltuend und regenerierend auswirkt.

Reflexionsräume nützen
In der entstehenden Verlangsamung eröffnet sich ein Reflexionsraum, der uns ermöglicht, Beobachtungen zu verarbeiten und dazu gehörende Ahnungen zuzulassen. Oft ist Wesentliches nicht mit reiner Analyse zu erkennen. Intuitives Erfassen gibt die ungreifbaren Zwischenräume frei. Das können zum Beispiel Sätze sein, die nie ausgesprochen wurden, jedoch impliziert sind.

Nach dem genialen Physiker und Denker Albert Einstein ist „das eigentlich Wertvolle im Grunde die Intuition“. Unsere Intuition gibt uns durch irreale Wahrnehmung Impulse, dass etwas ist. Im Kunstwerk von Tamara de Lempicka bekommt die Frau ein zweites Gesicht, bei dem der Blick ins Nichts zu gehen scheint. Dem „vordergründig Unsichtbaren“ können wir uns mit der Intuition nähern. Die Ahnungen sind frei von dem, was wir schon wissen und unseren Wertungen. Intuition eröffnet uns neue Räume und erweitert unsere sensitive Wahrnehmung für Zukünftiges. Wenn wir uns selbst in unseren diffusen Gefühlen ernst nehmen, schärfen und entwickeln wir unsere Sensorik für die Außenwelt. Das Diffuse wird erfasst und kann im reflektiven Austausch mit anderen weiter konkretisiert werden. Die gewonnene Stärke durch den Zugang zur Intuition symbolisiert der klare ausgerichtete Blick der rechten Frau.

Entscheidungen treffen
Die Jahresmitte ist ideal um inne zu halten und das erste Halbjahr Revue passieren zu lassen. Was hat sich wie entwickelt? Waren von Anfang an die Zeichen stimmig? War es zu Beginn schwierig und ist es schwierig geblieben? Was sagt meine Intuition? Welche Korrekturen braucht es? Wo braucht es ein Beenden und Abschließen? Wo einen Neuanfang?
Wir können durch unsere Klarheit und den Mut zu korrigieren oder abzuschließen und neu zu beginnen uns und unser Umfeld stimmig ausrichten. Durch Konzentration auf das Wesentliche reifen wir in unserer Persönlichkeit und erreichen die höchst mögliche Lebens- und Arbeitsqualität.

Christine Kranz im Web
christine.kranz@symbolon.com ∙ www.symbolon.com
XING ∙ LinkedIn ∙ Twitter ∙ Facebook

Bildnachweis:
Bordighera, 1884, Claude Monet, The Art Institute of Chicago
The Young Ladies, 1927, Tamara de Lempicka, private collection

10. Mrz.

Vom EGO zum globalen Bewusstsein

Gepostet von

„Wir können die Probleme nicht mit dem gleichen Bewusstsein lösen, mit dem wir sie geschaffen haben.“

Dieses Zitat von Albert Einstein ist in unserer Zeit wesentlicher als je zuvor. Die brennendsten Probleme, mit welchen wir zurzeit konfrontiert sind, fühlen sich an wie Black Boxes: wir haben keine Ahnung, wie sie anzugehen sind. Frauen ins Management zu bringen hilft auch nicht, denn das gegenwärtige Bewusstsein auch der Frauen reicht bei weitem nicht aus, um nachhaltige, tragfähige Lösungen zu schaffen. Oder doch?

Viele Missstände, welche uns das Leben schwer machen – Klimaprobleme, Nahrungsmittelverteuerung, Umweltverschmutzung, kriegerische Auseinandersetzungen, Religionsfanatiker oder ökonomische Turbulenzen im Finanzbereich und der Realwirtschaft haben wir mit unserem (gesunden?) Egoismus selber verursacht oder zumindest nicht verhindert, weil wir uns zwar sehr gewissenhaft um unser eigenes Wohlergehen kümmern, Stakeholder, mit welchen wir keine direkten Interessen teilen, jedoch völlig ausblenden. In einer Welt zu leben, in welcher es in erster Linie um sich selber geht, ist schlussendlich für keinen mehr lebenswert.

Alle für einen, aber nicht einer für Alle!
Wussten Sie, dass 1 % der Weltbevölkerung über 50 % der Gesamtressourcen besitzt und kontrolliert während den „untersten“ 90 % lediglich 1 % der Weltressourcen gehören? Dass dieses eine Prozent alles daran setzen wird, in absehbarer Zeit 95 % der Weltressourcen zu kontrollieren, dürfte klar sein. So werden die restlichen 90 % „versklavt“, um diesem einen Prozent zuzudienen. Eigentlich ist das jetzt schon Realität: überlegen Sie nur, wem Ihre Liegenschaft gehört, vielleicht auch Ihr Auto und wie viele Monate Sie für Renteneinkommen der Besitzenden, Steuern und Zinsen arbeiten pro Jahr. Die Bilanz veröffentlichte kürzlich, dass im Jahr 2014 die 300 Reichsten in der Schweiz wohnenden Menschen pro Person um 80 Millionen Franken zugelegt haben, während die Durchschnittslöhne einmal mehr gesunken sind. Kinder, Tiere, Arme und Unterprivilegierte und unser Planet selber können sich keine Lobbyisten leisten und werden so immer mehr zu Verlierern. Möglich, dass es auch in Europa wieder einmal eine Revolution gibt, weil so viel Aggression aufgebaut wird von denjenigen, die nicht am Leben teilnehmen können und die keinen Ausweg mehr sehen. Arabischer Frühling, Terrorismus, Kriege und Unruhen sind Ausdruck von blinder Wut aus Hilflosigkeit – aber auch hier sind die Beweggründe schlussendlich egoistisch: Jede und jeder möchte, dass es ihm/ihr besser geht.

Die Entwicklung des Bewusstseins von 1.0 bis 4.0
Otto Scharmer und Katrin Kaufer haben in ihrem wunderbaren Buch „Leading from the emerging future“ die Evolution durch vier verschiedene Bewusstseinszustände und deren Auswirkungen auf die verschiedenen Lebenssysteme untersucht und die Evolution aufgezeigt. 

1) Instinkt und Anarchie: Das Leben nach dem Lustprinzip
In einer ersten Phase des Bewusstseins – nennen wir es 1.0 – sind die Menschen nur darauf ausgerichtet, ihre tägliche Nahrung zu beschaffen und einen sicheren Platz zu haben. Gemeinschaften werden von Anarchie geprägt – der Stärkere hat die Oberhand und isst zuerst. Was übrig bleibt wird der Stärke nach weitergereicht, die Schwächsten überleben nicht. Es wird weder geplant, noch Verantwortung übernommen. Erste kleine Gruppen schliessen sich zusammen, bauen gewisse Regeln, wer sich nicht daran hält wird verstossen.

2) Macht und Egoismus pur
In grösseren Verbänden taugt das nicht mehr und so werden Klassen geschaffen und Spezialisierungen entstehen. Damit wird das Bewusstsein 2.0 geschaffen. Es werden Strukturen entwickelt, in welchen sich die Mächtigen behaupten können und die Andern unterworfen werden. Die Interessen der Starken werden systematisch gesichert und befriedigt durch Gesetze und Philosophien, welche einigen Wenigen Vorteile verschaffen und die Kosten der Mehrheit übertragen. Kommt Ihnen das bekannt vor? Die meisten feudalen Systeme beruhen auf Bewusstsein 2.0: Wer sich gegen diese Systeme auflehnt wird verfolgt, gestraft und ausgegrenzt. Das Paradigma lautet: „Wenn jeder für sich sorgt, dann ist für alle gesorgt“.

3) Sozialisierung
Irgendwann werden die Auswüchse dieser Denke und dieses Handelns ziemlich offensichtlich und unerträglich. Die Sensibleren und Intelligenteren in solchen System wehren sich und so entstehen Hilfsorganisationen, Stiftungen, Auffangbecken und Regeln, welche dafür sorgen sollen, dass es den Randständigen nicht ganz so arg gehe und sie etwas abbekommen von den Rechten und dem Reichtum der Wohlhabenden. Das Bewusstsein 3.0 ist zwar immer noch egoistisch, aber mit etwas weicheren Konturen. Die Systeme sind erträglicher, weil Härtefälle unterstützt werden. Die meisten europäischen Staaten leben 3.0 mit einem gewissen Einbezug weiterer Kreise von Stakeholdern, doch wir geben lediglich aus dem Überfluss, ohne wirklich zu teilen. Ausserdem bleiben auch im Bewusstsein 3.0 noch grosse Teile des Oekosystems unberücksichtigt.

4) Ganzheitliches Denken und Verantwortung
Hier müsste die grundlegende Veränderung des Bewusstsein ansetzen: Erst wenn wir aus der Haltung heraus denken, fühlen, sprechen und agieren, welche die Gesamtheit unseres Planeten einbezieht, werden wir es schaffen, neue Lösungen zu generieren, welche die gegenwärtigen Probleme bewältigen. Heisst, dass im Bewusstsein 4.0 sämtliche fühlenden Wesen, wie auch der Planet selber jederzeit in unserem Herzen und in unserem Kopf präsent sind. Es wird uns aus dieser Perspektive nicht mehr möglich sein, Dinge, Pflanzen, Tiere oder Menschen schlecht zu behandeln, weil uns ihr Schmerz und ihr Zustand genau so berührt, wie wenn es uns selber beträfe, was es ja auch tut, wenn wir ein ganzheitliches Bewusstsein haben. In dieser hohen Achtsamkeit und in diesem, im wahrsten Sinne allumfassenden, Bewusstsein können wir nur noch weise und liebevoll sein, weil wir im Innersten spüren, dass wir keinen Schritt weiterkommen, wenn nicht das ganze System einbeziehen. In jedem Moment und überall wird uns dieser Zustand des ganzheitlichen Bewusstseins begleiten.

Was bringt mir das?
Falsche Frage! Sie würde nur zeigen, dass Sie immer noch im Bewusstsein 2.0 zuhause sind. Was es bringt ist, dass die Welt durch Ihre Präsenz ein kleines bisschen besser, oder zumindest nicht schlechter wird. Ein kleines bisschen schöner, angenehmer, lebendiger und gesünder. Wo immer Sie vorbeikommen geht es den Menschen, Tieren, Pflanzen und Dingen etwas besser, weil Sie ihnen aus Ihrem Bewusstsein heraus Gutes tun. Ihnen bringt es die Gewissheit, dass Sie Ihren Teil dazu beigetragen haben, dass unser Planet mit allem was in diesem Ökosystem existiert, eine grössere Chance hat, zu überleben, denn in dieser schicksalshaften Zeit geht es genau darum.

Veränderung fängt im Innersten an
Was für die Gesellschaft gilt, gilt auch für jede(n) Einzelnen: im Bewusstsein 1.0 leben wir einfach instinktiv und nach dem gegenwärtigen Lustprinzip: Gut ist, was Befriedigung verschafft. Im Bewusstsein 2.0 gestalten und optimieren wir unser Leben: Gut ist, was uns hilft, stärkt und gut tut. Wir verwirklichen und entwickeln uns und sichern unsere Pfründe ab. Wir denken etwas langfristiger und breiter. Auf Stufe 3.0 beziehen wir unsere Familie und Freunde ein, lassen also einige Stakeholder an unserem Wohlstand und Wohlbefinden teilhaben. Erst im Bewusstsein 4.0 werden wir für Alle und Alles sehr achtsam, liebevoll und präsent sein. So wird es in unserem Umfeld etwas sauberer, farbiger, angenehmer und heller. So wird es allen Wesen und Dingen in unserem Einflussbereich ein kleines bisschen besser gehen, egal wie kurz der Kontakt auch sein mag. Kleine Dinge: Menschen anlächeln, aufmuntern, trösten und unterstützen. Lieb sein zu Tieren und spüren, was sie brauchen. Pflanzen pflegen, Räume lüften, Abfall wegräumen, sauber machen, Wasser sparen, achtsam einkaufen. Grosse Dinge: Zusammenhänge verstehen, Verständnis wecken, Empathie zeigen, sich für ganzheitliche Systeme unter Berücksichtigung aller Stakeholder einsetzen, Schwache schützen…… es gibt so viele Möglichkeiten, die Welt zu verschönern und einen besseren Platz werden zu lassen. So helfen wir alle einander, ein besseres, gesünderes und freudigeres Leben zu schaffen und plötzlich ist das Boot nicht mehr ganz so voll, dafür ist das Leben etwas voller an Freude, an Interesse und an Zuneigung.

Leider gibt es dafür keinen 5-Punkte-Plan, denn das ist fundamentale, minutiöse tägliche Arbeit an unserem Bewusstsein, an unserer Achtsamkeit und an unserer Persönlichkeit, die jede Minute passiert oder halt eben nicht passiert, denn diese Entwicklung kann nicht verlangt, sondern nur aus einem inneren tiefen Bedürfnis heraus getan werden.

Christina Kuenzle im Web
christina.kuenzle@symbolon.com ∙ www.symbolon.com
XING ∙ LinkedIn

Bildnachweis: Wanderer über dem Nebelmeer, 1817, Caspar David Friedrich, Kunsthalle Hamburg

Buchempfehlung: Von der Zukunft her führen: Von der Egosystem- zur Ökosystem-Wirtschaft. Theorie U in der Praxis

Dieser Artikel ist im Businessmagazin Ladies Drive erschienen.

 

20. Feb.

Kalkulierendes und besinnliches Denken im Management

„Wer gar zu viel bedenkt, wird wenig leisten“…

… gab dereinst Friedrich Schiller zu bedenken und hat wohl übersehen, dass sich hier die Katze in den Schwanz beißt. Nichtsdestoweniger, so scheint es, gilt das Schillersche „Prinzip“ heute mehr denn je. Das Handeln wird dem Denken vorgezogen ‑ das Theoretische verunglimpft, das Praktische hingegen geheiligt. Eine Entwicklung, der wir kritisch gegenüber stehen. Nicht zuletzt deshalb, weil wir der Auffassung sind, dass die globalen Wirtschafts- und Geldkrisen, die noch immer nicht überwunden scheinen, Kollateralschäden einer Kultur des Handelns sind, wie sie seit geraumer Zeit Hochkonjunktur hat. Wir plädieren daher für eine Kultur des Nachdenkens. Nicht als Alternative zum Handeln, denn selbiges ist weder verzichtbar noch per se schlecht, sondern als seine Voraussetzung. Der wichtigste Grund für dieses Plädoyer ist die Tatsache, dass die Qualität unserer Handlungen radikal von der Qualität unseres Denkens abhängig ist, was daran liegt, dass Handlungen keine Ursachen haben, sondern in der Regel Gründe.

Bild denken und handeln 2Vernünftige Handlungen, also solche, die wir letztlich auch verantworten können, sind nicht das Ergebnis autonomer, gesetzmäßiger Abläufe, sondern sie ruhen auf den jeweiligen Gründen, die wir dafür haben. Zu diesen Gründen aber kommen wir, indem wir über die Dinge nachdenken, und je besser die Gründe sind, je klarer sie vor uns liegen und je behutsamer wir sie abgewogen haben, desto wirkmächtiger werden unsere Handlungen sein, wenn es darum geht, mit den Problemen, die uns vorgelegt sind, auf gedeihliche Weise umzugehen.

Der Vorwurf, der postwendend im Raum steht, die Philosophen würden sich als die Einzigen sehen, die des Nachdenkens über die Zusammenhänge in der Welt befähigt sind, während es allen anderen ‑ vor allem den sogenannten „Praktikern“ ‑ an dieser Fähigkeit mangelt, lässt sich einfach entkräften. Es besteht kein Zweifel daran, dass im Management nachgedacht wird. Doch nicht alles Denken ist ein und dasselbe Denken.

Es gibt feine, wenngleich fundamentale Unterschiede, die sich am schönsten mit dem Philosophen Martin Heidegger herausstellen lassen. Heidegger unterscheidet zwischen dem kalkulierenden Denken und dem besinnlichen Denken. Während das kalkulierende Denken im Voraus auf Erfolge hin abgestellt ist, ist das besinnliche Denken einzig und allein dem Verstehen dessen geschuldet, was ist. Anders als das kalkulierende Denken taugt es nicht für die Bewältigung der laufenden Geschäfte. Es bringt nichts ein für die Durchführung der Praxis. Es ist ein Nachdenken vom „Lehnstuhl“ aus, das Prinzipielle im Blick, die letzten Gründe erfragend. Und so gibt es also zwei Arten von Denken, die beide jeweils auf ihre Weise berechtigt und nötig sind: das kalkulierende Denken, also das „Denken des Managements“ und das besinnliche Denken, das „Denken der Philosophie“. Von diesem letzteren aber ist die Rede, wenn wir für eine Kultur des Nachdenkens plädieren. Es ist ein Hinzufügen des einen zum anderen.

Dr. phil. Bernd Waß & Dr. Heinz Palasser im Web
b.wass@academia-philosophia.com  ∙ XING 
h.palasser@academia-philosophia.com ∙ XING
www.philosophie-management.at

Bildnachweis: © Shutterstock

27. Jan.

Wie Schieles Werke psychologische Kompensationen aufzeigen

Gepostet von

Mit hohem Bewusstseinsgrad differenziert und authentisch führen

Im Zusammenhang mit Führung und Karriere werden psychische Krankheiten wie Depression, Ich-Schwäche, Persönlichkeitsstörung, Burnout-Syndrom und Narzissmus oft selbstverständlich verwendet. Entsprechend hat der Begriff der Resilienz kometenhaft an Prominenz gewonnen. Was schnell und oberflächlich thematisiert und schubladisiert wird, kann in keiner Weise den Betroffenen gerecht werden. Das Innenleben und die daraus resultierende Außenwirkung sind das Ergebnis einer langen unvergleichlichen Lebensreise. Die Summe aller Erlebnisse macht die Einzigartigkeit des Menschen aus. Mit all seinen unverarbeiteten Schwächen, gelebten Stärken und angelegten Potenzialen.

Um die inneren Potenziale freizulegen, bedarf es einer tiefgreifenden Persönlichkeitsentwicklung. Dazu gehört die reflektierte Auseinandersetzung mit der eigenen Psyche. So selbstverständlich wie Körperpflege und -hygiene kultiviert werden, verlangt auch die Bearbeitung der psychischen Ebene nach differenzierter Aufmerksamkeit mit Fokus auf Selbstentwicklung. Wer die „Psychohygiene“ mit den darin enthaltenen Ängsten, Mustern und Schwächen vernachlässigt oder sogar negiert, riskiert mit der Zeit psychisch und körperlich instabil und krank zu werden.

Vor 100 Jahren stellte der österreichische Künstler Egon Schiele mit intensivster Ausdruckskraft psychologische Inhalte dar. Der folgende Exkurs mit zwei seiner Selbstportraits zeigt mit Hilfe von symbolischer Übersetzung und assoziativer Betrachtung tiefsinnige Themen und Entwicklungspotenziale auf. Dabei werden nicht Schieles Gedanken interpretiert sondern vielmehr auf die Symbolik und eigenen Empfindungen, welche das Dargestellte auslöst, geachtet. Lässt sich der Betrachter auf persönliche Assoziationen ein, gelingt es ihm innere Muster und Prozesse zu Tage zu fördern.

Selbstportrait, 1910, Egon Schiele, Privatsammlung

Dieses 1910 entstandene Selbstportrait symbolisiert durch die prägnante Formgebung und intensive Kolorierung des Kopfes, der Hand und des am unteren Bildrand angedeutet Beines die Ausprägung der intellektuell steuernden Fähigkeiten sowie der Handlungskraft und Fortbewegung. Die kantig geführten Linien, der starke Ausdruck des Gesichtes und die roten Augen stellen Unsicherheit genauso wie Dominanz dar. Schiele verzichtet gänzlich auf die Ausmalung des Gewandes. Dies assoziiert einen reduzierten Korpus oder eine schwebende Hülle die, im Gegensatz zu Kopf und Gliedmaßen, unfassbar wirkt.

Diese Leere steht sinnbildlich für Menschen, deren innere persönliche Bereiche der Gefühle, Bedürfnisse und Instinkte inhaltslos und unerfüllt bleibt. Sie haben durch die Identifizierung mit der Leistung und den Erfolgen im Außen den Kontakt nach Innen verloren. Meist sind diese Menschen abhängig von der Rückmeldung Anderer und funktionieren daher reaktiv und undifferenziert.

In der nach außen gerichteten Wirtschaftswelt der Superlative von mehr, schneller und grösser wird die Innenschau gänzlich an den Rand gedrängt. Die innere Stimme verstummt und Sinnfragen bleiben unbeantwortet. Die ursprüngliche Lebensquelle und -kraft versiegt. Die Psychologie bietet Wege nach Innen und gibt Antworten auf psychodynamische Prozesse, die im Menschen wirken und laufend von außen angestoßen werden. Denn alles, was einen Menschen bewegt, sei es in angenehmer oder unangenehmer Weise, hat mit ihm selbst zu tun. Mit einem niedrigen Bewusstseinsgrad wird das eigene Problem auf andere projiziert und das Konfliktpotenzial erhöht, was wiederum erschwert konstruktive Lösungen zu finden. So wird zum Beispiel auf kritisches Feedback mit Verteidigung reagiert. Mit einem hohen Bewusstseinsgrad gelingt es, die subjektive Kränkung zu reflektieren und zu verstehen, dass zum Beispiel der mangelnde Selbstwert zu dem Schmerz und der Abwehr führte. Die selbstverantwortliche Auseinandersetzung mit dem ausgelösten inneren Muster und dem darin enthaltenen Entwicklungspotenzial wird bearbeitet. Zum Beispiel kann daraus ein gesundes Ich-Bewusstsein erwachsen. Entsprechend wird das Ereignis mit allen Beteiligten objektiv bearbeitet und eine adäquate Weiterentwicklung und Gestaltung der Arbeitssituation bewirkt.

Selbstbildnis in oranger Jacke, 1913, Egon Schiele, Albertina, Wien

Im diesem, 3 Jahr später entstandenen, Selbstportrait hebt Schiele mit der Gestik und Kolorierung in gegensätzlicher Weise, als im vorherigen Werk, symbolische Inhalte hervor. Das orangene Gewand steht für starke, persönliche Bezogenheit zur emotionalen, körperlichen und instinktiven Lebenskraft. Der sinnliche Gesichtsausdruck mit den geschlossenen Augen stellt die ganz nach Innen gerichtete Aufmerksamkeit dar. Durch die Stirnfalten erscheint die Innenschau keineswegs passiv sondern vielmehr ein Suchen und Ringen um tiefere essenzielle Erkenntnisse.

Richtet ein Mensch die selbstkritische Auseinandersetzung zu stark nach Innen mit zu wenig Distanz zum subjektiven Empfinden, kann dies auf die spontane Potenzialentfaltung hemmend wirken. Ständige Selbstzweifel und Hinterfragung absorbieren die Kraft, die für eine lebendige Gestaltung im Außen notwendig wäre.

Die ausbalancierte psychologische Auseinandersetzung mit sich selbst ist für Führungskräfte und Entscheidungsträger ein unschätzbarer Gewinn. Denn jeder hat seine Sonnenseiten und auch Schattenthemen, die sich bei Verdrängung destruktiv, verhindernd und kraftraubend auswirken. Auch wenn sehr schwierige Menschen relativ gut mit sich selbst klar kommen, so stellen sie meist für das Umfeld, speziell in ihrer Rolle als Vorgesetzte, eine unerträgliche Belastung dar. Sind sie zusätzlich von einer egoistischen Omnipotenz eingenommen, sind sie sich der Verantwortung und dem Schaden, den sie anrichten nicht bewusst. Wenn beim Einzelnen zu viele Belastungsfaktoren zusammen kommen, kompensiert die Psyche mit Gegenreaktionen oder bricht zusammen.

Die Entwicklung von inneren Prozessen sollte durch Coaches und Begleiter mit hoher psychologischer Kompetenz durchgeführt werden. Dabei spielt deren eigene Reflexionskompetenz und Persönlichkeitsentwicklung eine entscheidende Rolle. Denn nur wer selbst seine Tiefen erforscht und integriert hat, kann Andere sicher in ihrer tiefen Persönlichkeits- und Potenzialentwicklung begleiten. Der Weg nach Innen lohnt sich nicht nur für die Betroffenen. Auch die Unternehmen profitieren. Denn Führungskräfte und Entscheidungsträger bekommen durch die ernsthafte, individuelle Auseinandersetzung Stärkung und Unterstützung. Sie sind in ihrer Haltung und all ihren Handlungen klarer, entscheidungsstärker und authentischer. Unermesslich viele wertvolle Potenziale liegen auf den inneren Ebenen brach und warten darauf aktiviert und im Außen genutzt zu werden.

Christine Kranz im Web
christine.kranz@symbolon.com ∙ www.symbolon.com
XING ∙ LinkedIn ∙ Twitter ∙ Facebook

Bildnachweis: Selbstportrait, 1910, Egon Schiele, Privatsammlung;  Selbstbildnis in oranger Jacke, 1913, Egon Schiele, Albertina, Wien

1 2 3 4 5

Seite 4 von 13