Archiv der Kategorie: Philosophie

13. Nov.

Gelebte Visionen

Gepostet von

Die Vision steht für die meisten erfolgreichen Menschen im Zentrum ihrer Aufgabe.

Im Management ist das Wort „Vision“ mittlerweile schon fast nicht mehr wegzudenken und wehe dem, der keine hat. Doch was sind denn Visionen wirklich? Nicht alle schaffen es von Kate zu Duchess Catherine zu werden und nicht aus jeder Nachwuchsfrau wird eine erfolgreiche Geschäftsfrau oder Top Managerin. Nicht alle Unternehmerinnen werden Millionärinnen und nicht alle Sportlerinnen gewinnen Gold in der Weltklasse. Spielen Visionen dabei wirklich eine Rolle? In Interviews überrascht es immer wieder, dass Karrieren nicht geplant wurden, sondern „einfach so“ entstanden sind. Die Visionen werden dann so zu sagen nachgeliefert, nachdem der Erfolg sich schon eingestellt hat. Und doch: nachhaltig erfolgreiche Menschen haben eine ganz starke Vorstellung von was sie im Leben tun und erreichen möchten und sie leben dieser ziemlich kompromisslos nach.

Familienfrau oder doch CEO?
Der Unternehmer – nennen wir ihn hier Andreas Z. – war schon etwas in die Jahre gekommen. Seine drei akademisch gebildeten Söhne hatten ihren Berufseinstieg erfolgreich gemeistert und Andreas Z. hoffte, dass sie einst das Unternehmen übernehmen und weiter ausbauen würden. Eilig hatten es letztere jedoch nicht mit der Machtablösung – sie pflegten lieber ihre teuren Hobbies. Für die Tochter Roxanne – obwohl auch sie mit Studienabschluss – war anderes geplant: Sie würde dereinst wohl heiraten – allenfalls wäre der potentielle Schwiegersohn ein künftiger Nachfolger. Doch es kam alles anders! Die Wirtschaftskrise hinterließ tiefe Spuren im elterlichen Geschäft, ein drohender Konkurs war nicht mehr auszuschließen. Die Söhne verloren ihr bescheidenes Interesse am Einstieg und empfahlen ihrem Vater, die Firma zu verkaufen. So entschied sich Roxanne, die mittlerweile mit einem Künstler verheiratet war, ihre ganze Kraft einzusetzen, um die wankende Firma zu sanieren und weiterzuführen. Sie wusste zwar nicht genau warum, aber es schien ihr, dass das von ihrem Urgroßvater gegründete Unternehmen nicht vor die Hunde gehen dürfte. Unterstützung  bekam sie anfangs wenig. Weder ihr Vater, noch die Brüder noch die Bank trauten ihr das Abenteuer zu. Erst nach mehreren Monaten Überzeugungsarbeit wurde sie „zugelassen“. Heute ist sie eine erfolgreiche CEO, nicht ohne Rückschläge, aber mit großer Überlegtheit und Motivation und extrem hohem Einsatz. Obwohl es ihr gelungen ist, das Unternehmen wieder auf Kurs zu bringen, weiß sie, dass noch viele, vielleicht wesentlich grössere Herausforderungen auf sie warten. Sie ist zufrieden und stolz, ohne dass sie dabei ihren Willen, ihre Bescheidenheit und ihre sachliche Haltung eingebüßt hätte.

Viel arbeiten ist noch längst nicht Karriere machen….
Marita hatte es schon schwieriger. Ihr Erststudium in Mathematik führte nicht zu einem befriedigenden Job, so studierte sie Volkswirtschaft und schloss mit Doktorat ab. Um schnell viel Geld zu verdienen, ließ sie sich von einer Investment-Bank anheuern, doch da gefiel ihr die Kultur nicht. Sie machte sich selbständig als Finanzberaterin, um ihr Leben besser gestalten zu können, doch das erwies sich als schwieriger als sie sich dies vorstellte. Dank ihrer reichhaltigen praktischen Erfahrung, ausgezeichneter Referenzen und einem guten Netzwerk schaffte sie den Einstieg als Professorin mit Teilzeitpensum an einer Fachhochschule, doch auch das füllte sie nicht aus. Sie engagierte sich in verschiedenen Projekten und start-ups, um ihr, wie sie meinte, eintöniges Berufs- und mangelndes Privatleben aufzupeppen. Eine unfreiwillige Zäsur führte zu einigen Monaten „sabbatical“, in welchen sie sich mit ungewohnten Dingen auseinandersetzte, um ihrem Leben eine neue Richtung zu geben. Zufällig traf sie auf eine Idee, welche sie restlos begeisterte! Sie forschte, sie lernte, sie schrieb, sie entwickelte, sie publizierte, sie netzwerkte und je mehr sie sich mit der Materie auseinandersetzte, umso mehr wollte sie sich für genau dieses Thema engagieren! Sie hatte das gefunden, wonach sie ihr Leben lang gesucht hatte! Damit wollte sie sich nun exklusiv befassen, davon leben, darin Meisterschaft erlangen und international ganz vorne dabei sein.

Was verbindet die beiden Geschichten? Beide Frauen hatten nicht mit einer Vision angefangen, sondern sie sind darauf gestoßen. Visionen haben nun mal die Tendenz, uns zu finden; etwa so, wie die Liebe uns und nicht wir die Liebe finden……. Doch auch hier können wir ein bisschen nachhelfen.

Lassen Sie sich berühren!
Während wir ganz ohne Absicht durchs Leben flanieren treffen wir auf Dinge und Situationen, die uns freuen, begeistern, ärgern, traurig machen oder entsetzen. Meistens flauen diese Gefühle nach kurzer Zeit wieder ab, weil wir uns nicht oder (zu) wenig darauf einlassen. Doch genau diese Emotionen sind Einladungen für Visionen. Ob wir unser Leben geben wollen für etwas, das uns fasziniert, oder ob wir eine Misere in etwas Positives verwandeln möchten – Visionen mögen im Kopf entstehen, tragfähig werden sie jedoch nur, wenn wir unser Herz beteiligen. Roxanne bedrückte es, dass das Familienunternehmen pleite gehen oder verkauft werden sollte, Marita fand ihre große Liebe in form einer zündenden Idee, die sie anspornte.

Sind Sie oder Ihre Vision grösser?
Solange wir nicht bereit sind, etwas Grösserem zu dienen als wir selber sind, beschränken wir uns auf das Machbare. Typischerweise liegen Visionen an der Peripherie unserer Möglichkeiten: wir wissen nicht, ob sie gelingen, aber wir sind bereit, alles dafür einzusetzen. Das macht Visionen auch gefährlich, denn wie viele haben ihr Leben, ihre Gesundheit, ihr Vermögen oder ihre Beziehungen auf’s Spiel gesetzt und eventuell sogar verloren, um ihre Visionen zu erfüllen. Marita hat ihre Stelle aufgegeben und alles auf eine Karte gesetzt, Roxanne hat ihr Familienleben und ihr Vermögen eingebracht.

Ist es Wahnsinn oder Vision?
Visionen sind ursprünglich mystische Erfahrungen, meist mit religiösem Charakter. „Sehende“ wurden sowohl als Propheten und Orakel verehrt, wie auch verfolgt und als Hexen verbrannt. Visionen gehören auch zu den psychotischen Zuständen und werden psychiatrisch behandelt, denn sie sind weit mehr als einfache Vorstellungen und Phantasien: sie erfassen unser gesamtes Wesen, so dass wir ihnen folgen müssen. Jeanne d’Arc, die 18-jährige Bauerntochter zog aufgrund göttlicher Eingebungen in den Krieg und gewann die Schlacht bei Orléans gegen die Engländer. Mozart „hörte“ die Musik schon als kleines Kind, er konnte sie einfach niederschreiben. Ein Berufswunsch, der schon in jüngsten Jahren entsteht und konsequent umgesetzt wird, kann eine Vision sein, oder das tiefe Wissen darum, wo man einmal leben wird.

Wie können wir unterscheiden, ob unsere Vision eine gesunde oder eine kranke ist? Es gibt dazu einen Grundsatz: wenn es richtig ist, ist es irgendwie einfach und geht ganz leicht: Das, was man sich vornimmt gelingt, Unterstützung kommt wie von selbst, wunderbare Zufälle ergeben sich und wir „wissen“ im Innersten, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Fingerzeige des Unbewussten
Der grösste Teil unseres Handelns und unserer Entwicklung läuft jenseits unseres bewussten Denkens ab. Im Unbewussten dürfte wohl auch das gespeichert sein, was wir Lebensaufgabe oder Seelenentwicklung bezeichnen. Wir finden unsere Vision am ehesten, wenn wir auf die Dinge achten, mit welchen wir Resonanz empfinden. Die Intuition – Eingebungen frei von Angst und Wunschdenken – hilft uns, die richtigen Entscheidungen zu treffen. C.G. Jung prägte das Zitat: „So lange wir das Unbewusste nicht bewusst machen, nennen wir es Schicksal“. Prüfen wir also, wo unsere Visionen herkommen! Dazu brauchen wir Zeit für Reflexion, Kontemplation und Meditation, resp. Tagträumen.

10 % Inspiration, 90 % Transpiration
Ohne konsequente Umsetzung wird aus der schönsten Vision nichts! Erst durch den vorbehaltlosen Einsatz, jahrelanges Üben und Experimentieren wird aus Vision Erfolg. Das Lebenswerk gelingt selten auf Anhieb. So hatte die heute Duchess Catherine und Gattin des englischen Kronprinzen William den Übernamen „waity Katy“, denn nach ihrer Trennung vor einigen Jahren glaubte außer ihr niemand mehr, dass das etwas werden würde aus der Beziehung mit dem begehrtesten aller englischen Junggesellen. Ähnlich geht es vielen Künstlerinnen und Wissenschafterinnen: Nur wenn sie sich und ihrer Vision gegen alle Widerstände treu bleiben gelingt – vielleicht – irgendwann der große Durchbruch.

Es gibt keinen Weg zum Glück – das Glück ist der Weg (Buddha)
Dieses großartige Zitat gilt auch für die Umsetzung der Vision. Diejenigen, welche das verfolgen, was für sie wirklich zählt, empfinden die Befriedigung nicht primär durch die Erfolge, sondern in erster Linie durch die Auseinandersetzung mit der Materie. Wer nur auf Resultate ausgerichtet ist, wird häufiger Frustration empfinden, als wer sich intensiv mit dem befasst, was ihr wichtig ist, sie interessiert und Spaß macht.

Christina Kuenzle im Web
christina.kuenzle@symbolon.com ∙ www.symbolon.com
XING ∙ LinkedIn

Bildnachweis: Mondlandschaft, 1892-1929, Albert Trachsel, Kunstmuseum Solothurn

Dieser Artikel ist im Businessmagazin Ladies Drive erschienen.

20. Feb.

Kalkulierendes und besinnliches Denken im Management

„Wer gar zu viel bedenkt, wird wenig leisten“…

… gab dereinst Friedrich Schiller zu bedenken und hat wohl übersehen, dass sich hier die Katze in den Schwanz beißt. Nichtsdestoweniger, so scheint es, gilt das Schillersche „Prinzip“ heute mehr denn je. Das Handeln wird dem Denken vorgezogen ‑ das Theoretische verunglimpft, das Praktische hingegen geheiligt. Eine Entwicklung, der wir kritisch gegenüber stehen. Nicht zuletzt deshalb, weil wir der Auffassung sind, dass die globalen Wirtschafts- und Geldkrisen, die noch immer nicht überwunden scheinen, Kollateralschäden einer Kultur des Handelns sind, wie sie seit geraumer Zeit Hochkonjunktur hat. Wir plädieren daher für eine Kultur des Nachdenkens. Nicht als Alternative zum Handeln, denn selbiges ist weder verzichtbar noch per se schlecht, sondern als seine Voraussetzung. Der wichtigste Grund für dieses Plädoyer ist die Tatsache, dass die Qualität unserer Handlungen radikal von der Qualität unseres Denkens abhängig ist, was daran liegt, dass Handlungen keine Ursachen haben, sondern in der Regel Gründe.

Bild denken und handeln 2Vernünftige Handlungen, also solche, die wir letztlich auch verantworten können, sind nicht das Ergebnis autonomer, gesetzmäßiger Abläufe, sondern sie ruhen auf den jeweiligen Gründen, die wir dafür haben. Zu diesen Gründen aber kommen wir, indem wir über die Dinge nachdenken, und je besser die Gründe sind, je klarer sie vor uns liegen und je behutsamer wir sie abgewogen haben, desto wirkmächtiger werden unsere Handlungen sein, wenn es darum geht, mit den Problemen, die uns vorgelegt sind, auf gedeihliche Weise umzugehen.

Der Vorwurf, der postwendend im Raum steht, die Philosophen würden sich als die Einzigen sehen, die des Nachdenkens über die Zusammenhänge in der Welt befähigt sind, während es allen anderen ‑ vor allem den sogenannten „Praktikern“ ‑ an dieser Fähigkeit mangelt, lässt sich einfach entkräften. Es besteht kein Zweifel daran, dass im Management nachgedacht wird. Doch nicht alles Denken ist ein und dasselbe Denken.

Es gibt feine, wenngleich fundamentale Unterschiede, die sich am schönsten mit dem Philosophen Martin Heidegger herausstellen lassen. Heidegger unterscheidet zwischen dem kalkulierenden Denken und dem besinnlichen Denken. Während das kalkulierende Denken im Voraus auf Erfolge hin abgestellt ist, ist das besinnliche Denken einzig und allein dem Verstehen dessen geschuldet, was ist. Anders als das kalkulierende Denken taugt es nicht für die Bewältigung der laufenden Geschäfte. Es bringt nichts ein für die Durchführung der Praxis. Es ist ein Nachdenken vom „Lehnstuhl“ aus, das Prinzipielle im Blick, die letzten Gründe erfragend. Und so gibt es also zwei Arten von Denken, die beide jeweils auf ihre Weise berechtigt und nötig sind: das kalkulierende Denken, also das „Denken des Managements“ und das besinnliche Denken, das „Denken der Philosophie“. Von diesem letzteren aber ist die Rede, wenn wir für eine Kultur des Nachdenkens plädieren. Es ist ein Hinzufügen des einen zum anderen.

Dr. phil. Bernd Waß & Dr. Heinz Palasser im Web
b.wass@academia-philosophia.com  ∙ XING 
h.palasser@academia-philosophia.com ∙ XING
www.philosophie-management.at

Bildnachweis: © Shutterstock

16. Dez.

Glück ermöglichen & Schicksal gestalten

Gepostet von

Kennt Fortuna die Geheimnisse des Schicksalsrads? Bestimmt und verändert die Glücks-und Schicksalsgöttin der römischen Mythologie das Schicksal? Ihre Launenhaftigkeit macht sie unberechenbar, in gewisser Weise ein Abbild der allgegenwärtigen Ungewissheit. Denn auch wenn wir glauben zu wissen, was wir tun, können wir trotz dessen nicht sicher sein, was es bedeutet und welche Auswirkungen es hat.

Mit Achtsamkeit das Arbeitsleben gestalten
Gerade in der Wissensgesellschaft ist Achtsamkeit ein Schlüssel, um sich und sein Umfeld nicht mit Fehlentscheidungen zu verstricken. Denn Schicksal wird durch die eigene Ausrichtung erzeugt. Menschen, die sich selbstverantwortlich um eine bewusste Lebens- und Arbeitsgestaltung bemühen, zeichnen sich in ihrer individuellen und authentischen Lebensführung aus. Dabei hilft es in der Balance zwischen Egoismus und Altruismus zu schwingen: In der persönlichen Umsorge um das ganz eigene Ich und gleichzeitig im Einsatz für das kollektive große Ganze. Denn nur eine selbstreflektierte starke Persönlichkeit kann in der Gesellschaft und Arbeitswelt nachhaltige Spuren zur Ermöglichung von erfüllendem Schicksal hinterlassen. 

Im Fluss des Lebensrads loslassen und Chancen ergreifen
Das Kunstwerk „Das Rad des Glücks“ von Edward Burne-Jones stellt die Glücksgöttin Fortuna dar, wie sie über das Schicksalsrad wacht. In der Drehung des Rades folgt nach der Höhe die Tiefe und nach dem Fall der Aufstieg. Der persönliche Einsatz und Zusammenhalt der Menschen und ihre gegenseitige Unterstützung verstärkt das Glück und gestaltet Schicksal. Selbstreflexion hilft den natürlichen Fluss der Lebenszyklen aufrechtzuerhalten. Wir sind klarer, welchen unnötigen Ballast wir mit uns tragen und wovon es Zeit ist, sich in Frieden und Dankbarkeit zu verabschieden. Der dadurch frei werdende Gestaltungsraum eröffnet neue Blickwinkel auf sich und das Umfeld und macht verborgene Optionen sichtbar. Sich zu trauen Wagnisse einzugehen und Chancen entschlossen zu ergreifen, setzt die Kraft zur Lebensgestaltung frei. In den Zyklen des Lebens können wir mit Mut und Vertrauen immer wieder über uns hinaus wachsen und einen hohen Reifegrad erlangen.

Kultur des verantwortungsvollen Förderns
Wer mit Menschen arbeitet – sei es in Führung, im Management, mit Kunden und in der täglichen Zusammenarbeit – übernimmt Verantwortung für die innere und äußere Entwicklung. Das Ziel ist der Erfolg der Anderen. Mitarbeitende und Kunden zu befähigen und sich wertschätzend über das Erreichte zu freuen. Menschen sind innerlich motiviert, wenn man auf sie eingeht und sie sich verstanden fühlen. Schlüsselfragen wie die folgenden zu stellen, schafft Klarheit und gibt Kraft für die Bewältigung der Herausforderungen. Sie vertiefen die Beziehungsebene und stärken den Zusammenhalt:

∙ Wie geht es Ihnen in unserer Zusammenarbeit?
 Bekommen Sie von mir genug Rückmeldung und Wertschätzung?
 Was brauchen Sie von mir, dass es Ihnen gut geht und Sie erfolgreich sein können?

Die fördernde Kulturentwicklung kann jeder mitgestalten. Mit Ehrlichkeit, Empathie und echtem Interesse an sich selbst und an den Anderen. Glück zu bewirken ist einfach, wenn wir uns frei von Vorurteilen dem Rad des Lebens hingeben, aus dem durchlebten Schicksal Erkenntnisse schöpfen, und dankbar weiter gehen. Wie fast von selbst entwickeln sich Visionen und Stärke, um erfolgreiche und bedeutungsvolle Werke zu erschaffen.

Christine Kranz im Web
christine.kranz@symbolon.com ∙ www.symbolon.com
XING ∙ LinkedIn ∙ Twitter ∙ Facebook

Bildnachweis: The Wheel of Fortune, 1883, Edward Burne-Jones, Musée d’Orsay, Paris

25. Apr.

Unausweichliches Entscheiden

Das Leben: eine Abfolge von Entscheidungen

In einer Entscheidung wählen wir zwischen verschiedenen Möglichkeiten des Verhaltens oder Handelns. Wir entscheiden uns für einen Karrieresprung oder gegen ein Jobangebot, für eine politische Partei oder gegen eine neue Wohnung, für einen Auslandsaufenthalt oder gegen die Wehrpflicht usw. Es vergeht kaum ein Tag an dem wir keine Entscheidung zu treffen haben, die nicht eine gewisse Tragweite hätte.

shutterstock_151328741

Entscheidungen sind unausweichlich, ob wir wollen oder nicht. Selbst dann, wenn wir in einer Sache  nichts entscheiden haben wir ja eine Entscheidung gefällt, nämlich in der Sache nichts zu entscheiden. Aber ist es in unser Belieben gestellt, wie wir uns entscheiden? Oder gibt es objektive, allgemeingültige Gesichtspunkte, die zu berücksichtigen sind? Das hängt mitunter davon ab, welchen Zweck wir mit unseren Entscheidungen verfolgen. Für die Entscheidungstheorie zum Beispiel sind bestimmte Regeln der Rationalität ausschlaggebend, für die philosophische Ethik sind es die Regeln der Moral. Der entscheidende Unterschied der Regelwerke liegt darin, dass im ersten Fall, die bestmögliche Befriedigung überwiegend eigener Interessen im Vordergrund steht, während im zweiten Fall, die bestmögliche Befriedigung überwiegend fremder Interessen im Vordergrund steht. Es ist das fremde Interesse, das die Befriedigung unsere eigenen Interessen limitiert. Kaum jemand, der das nicht kennt.

Warum aber sollten wir eine solche Limitierung akzeptieren? Manche Philosophen würden antworten: „Weil es vernünftig ist, denn sehr wahrscheinlich ist jeder Einzelne von uns irgendwann auch der Andere. Es kommt nämlich nur auf die Situation und den Zeitpunkt an.“ So gesehen ist eine (moralisch) richtige Entscheidung eine, bei der nicht nur der Entscheidende selbst im Zentrum der Überlegungen steht, sondern immer auch jene, die davon mitbetroffen sind. Anders gesagt: Eine moralisch richtige Entscheidung ist eine solche, die man vor sich selbst und der Welt verantworten kann. Das ist altmodisch werden die einen sagen, überzogen und undurchführbar die anderen. Richtig ist, dass auch die Philosophen, zeitgenössische wie frühere, noch kein Instrumentarium angeboten haben, das es erlauben würde in jedem Fall moralisch richtig zu entscheiden. So ist etwa weder der berühmte kategorische Imperativ von Immanuel Kant (Handle so, dass die Maxime deines Handelns stets zu einem allgemeinen Gesetz werden kann) noch der überaus einsichtige Vorschlag des Utilitarismus (Handle zum Wohl der Meisten) frei von philosophischen Schwierigkeiten. Nichtsdestoweniger kommt es darauf an, die Sinnhaftigkeit und die Konsequenzen unserer Entscheidungen im Sinne der Ethik in Frage zu stellen, ist uns daran gelegen eine Gesellschaft zu schaffen, die Wert hat. Das ist ein persönliches Wagnis, aber ohne Wagnis kommen wir nicht weiter. Wer sein eigenes Leben, und ein Stück weit, das der Anderen, verantworten will, muss es eingehen.

Dr. phil. Bernd Waß, MSc. & Mag. Heinz Palasser, MBA, MSc im Web
b.wass@academia-philosophia.com  ∙ XING
h.palasser@academia-philosophia.comXING
www.academia-philosophia.com

Bildnachweis: © Shutterstock

20. Dez.

Bedenkliche Zeit, philosophisch gedacht.

Augustinus, Kant, Heidegger, Wittgenstein und die Zeit. 

Sie hat uns wieder, die besinnliche Weihnachts-Zeit. Für manche Menschen allerdings, vor allem für jene, die sich dem Nachdenken zugewandt haben, ist die Weihnachtszeit in vielerlei Hinsicht eher bedenklich als besinnlich. Es wird Ruhe eingefordert und Lärm gemacht. Es wird Liebe verkündet und Neid geschürt. Es wird Erlösung versprochen und Abhängigkeit geschaffen. Es wird das Überweltliche angerufen und das Weltliche zelebriert. Wenn wir von der Weihnachtszeit sprechen,  sprechen wir jedenfalls von einer besonderen Zeit. Deshalb wollen wir in diesen Tagen der Zeit philosophische Aufmerksamkeit widmen, denn kaum etwas anderes betrifft den Menschen so unmittelbar.

Der Kirchenmann und Philosoph Augustinus hat sich die Frage gestellt, worum es sich tatsächlich handelt, wenn wir von der Zeit sagen, sie sei ein Kontinuum aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Er kam zu dem Ergebnis, dass die Gegenwart, die einzige Zeit ist über die wir unmittelbar verfügen. Selbst Vergangenheit und Zukunft erschließen sich uns nur über die Gegenwart. Wir verfügen über die Gegenwart in Form unserer gegenwärtigen Wahrnehmungen und Erlebnisse, über die Vergangenheit in Form gegenwärtiger Erinnerungen und über die Zukunft als einen gegenwärtigen Blick auf unsere Erwartungen, mag er ängstlich oder auch hoffnungsfroh sein. Wir verfügen also über die Gegenwart des Gegenwärtigen, über die Gegenwart des Vergangenen und die Gegenwart des Zukünftigen, nicht aber über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft als solches.

Immanuel Kant hat der Zeit den Charakter einer objektiv gegebenen Größe der Welt überhaupt abgesprochen. Er argumentiert für die Zeit als einer subjektiv-menschlichen Bedingung der Erkenntnis. Zeit gibt es ihm zufolge nicht unabhängig von uns, sondern Zeit ist eine genuin menschliche Anschauungsform, die das Wahrgenommene in ein erlebtes Nacheinander bringt.

Martin Heidegger wiederum misst dem Erleben von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft besondere Seins-Zustände bei. Er spricht von dem „Schon-Gewesen-Sein“, vom „Sein-Bei“ und vom „Sich-Vorweg-Sein“. All diese Zustände drehen sich für ihn um die Grundstimmung des „Besorgt-Seins“, welche der Ausrichtung des Lebens auf den Tode hin entspringt. Für Heidegger ist Zeitlichkeit schlechtweg der Sinn der Sorge.

Wie auch immer wir die Zeit bestimmen wollen, Zeit betrifft uns unmittelbar. Sie macht uns gegenwärtig, was ist und was nicht ist. Sie lässt uns einander überhaupt erst begegnen, weil sie uns allen gleichermaßen als Ordnungsprinzip dient, und sie lässt uns für uns selbst und für andere Sorge tragen. Die Zeit ist so allgegenwärtig, dass wir ihren verbindenden Wert für das Miteinander der Menschen gerne übersehen. Wenn wir die Weihnachts-Zeit nach diesem Wert ausrichten, dann kann aus ihrer Bedenklichkeit vielleicht doch noch Besinnlichkeit werden. Wir wünschen Ihnen deshalb Zeit für einander und schließen mit dem Gruß der Philosophen, wie ihn Ludwig Wittgenstein uns anempfohlen hat: „Lass Dir Zeit“.

Dr. phil. Bernd Waß, MSc. & Mag. Heinz Palasser, MBA, MSc im Web
b.wass@academia-philosophia.com  ∙ XING
h.palasser@academia-philosophia.comXING
www.academia-philosophia.com

Bildnachweis: © Shutterstock, Bruce Rolff