Monatsarchive: September 2013

26. Sep.

Selbstmanagement-Kompetenz

Gepostet von

Kernkompetenz von Führungskräften und Mitarbeitenden in der heutigen Arbeitswelt 

Die heutige Zeit ist geprägt durch eine zunehmende Verfügbarkeit und Komplexität von Informationen und Wissen sowie eine fortwährende Dynamik des Wandels in allen Bereichen unserer Gesellschaft. Die wirtschaftlichen und technologischen Entwicklungen führen in den Unternehmen zu permanenten und beschleunigten Veränderungsprozessen und fordern eine stetige Anpassung an sich verändernde Rahmenbedingungen.

Selbstmanagement

Mitarbeitende müssen in der Lage sein, sich von vertrauten Strukturen zu lösen, traditionelle Denkhaltungen zu hinterfragen, und den Mut haben, neue Wege zu beschreiten, z. B. beim Verlust des Arbeitsplatzes. Das hohe Mass an Flexibilität, das von den Unternehmen gefordert wird, stellt hohe Anforderungen an die Mitarbeitenden. Der Kostendruck auf den Märkten führt dazu, dass mit weniger Personal in kürzerer Zeit die gleichen oder gar wachsende Aufgaben zu bewältigen sind. Der zunehmende Druck erfordert ein konsequentes Selbstmanagement. Denn: Wird der Druck zu hoch, kann die damit verbundene Überforderung zu Erschöpfungszuständen, Depressionen, psychosomatischen Beschwerden oder Krankheit führen.

Ziel von Selbstmanagement-Kompetenz ist, Leistungsfähigkeit (Wissen, Kompetenzen, Arbeitsmarktfähigkeit, Gesundheit, mentale und körperliche Fitness), Leistungsbereitschaft (Identifikation, Engagement), Wohlbefinden und Balance zu fördern und langfristig zu erhalten.
Selbstmanagement ist gelebte Selbstverantwortung.

Im Modell der Selbstmanagement-Kompetenz sind wesentliche Aspekte eines effektiven Selbstmanagements umfassend integriert. Es dient als Grundlage, um Selbstmanagement-Kompetenz auf individueller und organisatorischer Ebene gezielt und ganzheitlich zu fördern. Das Modell unterscheidet drei Ebenen und neun Bausteine. Die neun Bausteine repräsentieren die zentralen Themenbereiche der Selbstmanagement-Kompetenz. Selbstverantwortung, Selbsterkenntnis und Selbstentwicklung bilden das dynamische Kernmodell und sind Bedingungsfaktoren, damit Selbstmanagement wirkungsvoll gelebt und umsetzt wird.

  1. Selbstverantwortung: heisst, für sich und die eigenen Bedürfnisse, Werte, Grenzen und Ziele im Spannungsfeld von Selbstbestimmung und Fremdbestimmung einzustehen und Verantwortung für die eigene Lebensgestaltung zu übernehmen. Selbstmanagement ist nicht delegierbar.
  2. Selbsterkenntnis: beinhaltet, die eigene Lebensgestaltung umfassend zu reflektieren, vorhandene Stärken und Potenziale zu erkennen und zu definieren, welche Ziele im Berufs- und Privatleben – in Abstimmung mit den vorhandenen Bedürfnissen, Werten und Möglichkeiten – sinnvollerweise zu realisieren sind.
  3. Selbstentwicklung: bedeutet, sich neue Verhaltensweisen anzueignen, Einstellungen und persönliche Grenzen zu verändern, Kompetenzen zu erweitern, neue Laufbahn- und Entwicklungswege zu suchen, Lebenspläne umzugestalten und letztlich als Mensch zu wachsen. Lebenslanges Lernen ist hierzu Voraussetzung.
  4. Ziele: haben eine handlungsregulierende Funktion. Wirkungsvolle Ziele sind realistisch sowie intrinsisch motivierend. Menschen brauchen die Fähigkeit, definierte Ziele mit Engagement und Beharrlichkeit zu verfolgen, aber auch die Bereitschaft, unerreichbar gewordene Ziele wieder loszulassen.
  5. Zeit und Informationen: Menschen treffen fortwährend bewusste und unbewusste Entscheidungen über ihre Zeitverwendung und Zeiteinteilung. Es braucht Klarheit, wie die verfügbare Zeit sinnvollerweise eingesetzt und welche Qualität im Zeiterleben realisiert werden soll. Entscheidend ist, den wesentlichen Dingen im Privat- und Berufsleben bei der Zeitgestaltung Priorität einzuräumen.
  6. Physische und psychische Gesundheit: Gesundheitsförderliches Verhalten beinhaltet, Ressourcen konsequent zu aktivieren und zu nutzen. Hierzu gehört beispielsweise, Massnahmen zum Aufbau von Energie, Kraft und Vitalität oder zum Abbau von Belastungen und Stress gezielt in den Alltag zu integrieren. Wichtig ist,  belastende Faktoren im Privat- und Berufsleben zu erkennen und abzubauen sowie Warnsignale des Körpers ernst zu nehmen.
  7. Soziale Beziehungen: gehören zu den wichtigsten Ressourcen überhaupt. Es braucht die Fähigkeit, soziale Beziehungen aufzubauen und zu pflegen, die nährend, unterstützend und inspirierend sind. Entscheidend ist, ausreichend Zeit mit Menschen zu verbringen, die wichtig sind und Freundschaften auch bei hoher Arbeitsbelastung nicht zu vernachlässigen.
  8. Selbstkontrolle und Selbstregulation:  ermöglicht, das eigene Verhalten so zu steuern, dass Ziele auch erreicht werden. Hierzu gehört einerseits, die Willensanstrengung aufzubringen, vorhandenen Ablenkungen im Innen und Aussen entgegenzuwirken – auch wenn andere Bedürfnisse dabei zurückgestellt werden müssen. Andererseits braucht es die Fähigkeit, Emotionen mittels verschiedener Strategien gezielt zu regulieren (Selbstmotivierung und Selbstberuhigung).
  9. Zahlreiche weitere relevante Aspekte der Persönlichkeit wie etwa Selbstwirksamkeits­erwartung, Optimismus oder Kohärenzvermögen haben einen Einfluss darauf, wie Selbstmanagement-Kompetenz im Alltag erlebt wird. Es ist entscheidend, die Wirkung von Persönlichkeitsaspekten zu erkennen und mittels Persönlichkeitsentwicklung positive Aspekte zu fördern und Regulationsmechanismen zu erlernen, um negative Wirkungen situativ zu minimieren.

Da zahlreiche Einflussfaktoren auf das persönliche Selbstmanagement einwirken, gestaltet sich die Umsetzung oftmals als anspruchsvoller und teilweise auch als schmerzhafter Prozess. Selbstmanagement hat mit klaren Entscheidungen zu tun, mit Verzichten-Können. Es zeigt sich in Seminaren und Coachings immer wieder, dass Menschen eigentlich genau wissen, welche Bereiche es zu verändern gilt. Die eigentliche Hürde liegt oftmals im Schritt vom Wissen zum Tun. Auf der Umsetzungsebene ist deshalb besonders die Fähigkeit zur Selbstkontrolle und Selbstregulation gefordert. Die Ausrichtung der Lebensgestaltung an einem persönlichen Leitbild hilft, die Kraft und den Mut zu finden, die notwendigen Entscheidungen zu treffen und umzusetzen. Nicht immer sind grosse Schritte notwendig. Häufig reichen kleine, unspektakuläre Veränderungen, um eine entscheidende Wirkung zu erzielen, etwa die konsequente Integration von Bewegung in den Alltag, das Festhalten an Treffen mit Freunden, eine tägliche To-do-Liste, der Besuch einer Weiterbildung oder die Entscheidung, Dinge nicht persönlich zu nehmen.

Selbstmanagement ist ein lebenslanger und vor allem dynamischer Prozess, der aus vielen Schritten besteht. Wichtig ist, jeden noch so kleinen Schritt in die angestrebte Richtung wertzuschätzen und sich bewusst zu sein, dass jeder Tag eine neue Chance bietet, das Leben in die Richtung zu lenken, die mit den eigenen Werten und Bedürfnissen kongruent ist und so Leistungsfähigkeit, Leistungsbereitschaft, Wohlbefinden und Balance langfristig zu stärken.

Prof. Dr. Anita Graf 
anita.graf@fhnw.ch ∙ www.fhnw.ch

Literatur:

Graf, Anita (2013): Sich selbst wirkungsvoll führen. Die Selbstmanagement-Kompetenz zu fördern ist entscheidend, um Leistung und Wohlbefinden im Unternehmen zu erhalten, in: io management, März/April.

Graf, Anita (2012): Selbstmanagement-Kompetenz in Unternehmen nachhaltig sichern. Leistung, Wohlbefinden und Balance als Herausforderung. Springer Gabler, Wiesbaden.