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20. Feb.

Kalkulierendes und besinnliches Denken im Management

„Wer gar zu viel bedenkt, wird wenig leisten“…

… gab dereinst Friedrich Schiller zu bedenken und hat wohl übersehen, dass sich hier die Katze in den Schwanz beißt. Nichtsdestoweniger, so scheint es, gilt das Schillersche „Prinzip“ heute mehr denn je. Das Handeln wird dem Denken vorgezogen ‑ das Theoretische verunglimpft, das Praktische hingegen geheiligt. Eine Entwicklung, der wir kritisch gegenüber stehen. Nicht zuletzt deshalb, weil wir der Auffassung sind, dass die globalen Wirtschafts- und Geldkrisen, die noch immer nicht überwunden scheinen, Kollateralschäden einer Kultur des Handelns sind, wie sie seit geraumer Zeit Hochkonjunktur hat. Wir plädieren daher für eine Kultur des Nachdenkens. Nicht als Alternative zum Handeln, denn selbiges ist weder verzichtbar noch per se schlecht, sondern als seine Voraussetzung. Der wichtigste Grund für dieses Plädoyer ist die Tatsache, dass die Qualität unserer Handlungen radikal von der Qualität unseres Denkens abhängig ist, was daran liegt, dass Handlungen keine Ursachen haben, sondern in der Regel Gründe.

Bild denken und handeln 2Vernünftige Handlungen, also solche, die wir letztlich auch verantworten können, sind nicht das Ergebnis autonomer, gesetzmäßiger Abläufe, sondern sie ruhen auf den jeweiligen Gründen, die wir dafür haben. Zu diesen Gründen aber kommen wir, indem wir über die Dinge nachdenken, und je besser die Gründe sind, je klarer sie vor uns liegen und je behutsamer wir sie abgewogen haben, desto wirkmächtiger werden unsere Handlungen sein, wenn es darum geht, mit den Problemen, die uns vorgelegt sind, auf gedeihliche Weise umzugehen.

Der Vorwurf, der postwendend im Raum steht, die Philosophen würden sich als die Einzigen sehen, die des Nachdenkens über die Zusammenhänge in der Welt befähigt sind, während es allen anderen ‑ vor allem den sogenannten „Praktikern“ ‑ an dieser Fähigkeit mangelt, lässt sich einfach entkräften. Es besteht kein Zweifel daran, dass im Management nachgedacht wird. Doch nicht alles Denken ist ein und dasselbe Denken.

Es gibt feine, wenngleich fundamentale Unterschiede, die sich am schönsten mit dem Philosophen Martin Heidegger herausstellen lassen. Heidegger unterscheidet zwischen dem kalkulierenden Denken und dem besinnlichen Denken. Während das kalkulierende Denken im Voraus auf Erfolge hin abgestellt ist, ist das besinnliche Denken einzig und allein dem Verstehen dessen geschuldet, was ist. Anders als das kalkulierende Denken taugt es nicht für die Bewältigung der laufenden Geschäfte. Es bringt nichts ein für die Durchführung der Praxis. Es ist ein Nachdenken vom „Lehnstuhl“ aus, das Prinzipielle im Blick, die letzten Gründe erfragend. Und so gibt es also zwei Arten von Denken, die beide jeweils auf ihre Weise berechtigt und nötig sind: das kalkulierende Denken, also das „Denken des Managements“ und das besinnliche Denken, das „Denken der Philosophie“. Von diesem letzteren aber ist die Rede, wenn wir für eine Kultur des Nachdenkens plädieren. Es ist ein Hinzufügen des einen zum anderen.

Dr. phil. Bernd Waß & Dr. Heinz Palasser im Web
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20. Dez.

Bedenkliche Zeit, philosophisch gedacht.

Augustinus, Kant, Heidegger, Wittgenstein und die Zeit. 

Sie hat uns wieder, die besinnliche Weihnachts-Zeit. Für manche Menschen allerdings, vor allem für jene, die sich dem Nachdenken zugewandt haben, ist die Weihnachtszeit in vielerlei Hinsicht eher bedenklich als besinnlich. Es wird Ruhe eingefordert und Lärm gemacht. Es wird Liebe verkündet und Neid geschürt. Es wird Erlösung versprochen und Abhängigkeit geschaffen. Es wird das Überweltliche angerufen und das Weltliche zelebriert. Wenn wir von der Weihnachtszeit sprechen,  sprechen wir jedenfalls von einer besonderen Zeit. Deshalb wollen wir in diesen Tagen der Zeit philosophische Aufmerksamkeit widmen, denn kaum etwas anderes betrifft den Menschen so unmittelbar.

Der Kirchenmann und Philosoph Augustinus hat sich die Frage gestellt, worum es sich tatsächlich handelt, wenn wir von der Zeit sagen, sie sei ein Kontinuum aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Er kam zu dem Ergebnis, dass die Gegenwart, die einzige Zeit ist über die wir unmittelbar verfügen. Selbst Vergangenheit und Zukunft erschließen sich uns nur über die Gegenwart. Wir verfügen über die Gegenwart in Form unserer gegenwärtigen Wahrnehmungen und Erlebnisse, über die Vergangenheit in Form gegenwärtiger Erinnerungen und über die Zukunft als einen gegenwärtigen Blick auf unsere Erwartungen, mag er ängstlich oder auch hoffnungsfroh sein. Wir verfügen also über die Gegenwart des Gegenwärtigen, über die Gegenwart des Vergangenen und die Gegenwart des Zukünftigen, nicht aber über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft als solches.

Immanuel Kant hat der Zeit den Charakter einer objektiv gegebenen Größe der Welt überhaupt abgesprochen. Er argumentiert für die Zeit als einer subjektiv-menschlichen Bedingung der Erkenntnis. Zeit gibt es ihm zufolge nicht unabhängig von uns, sondern Zeit ist eine genuin menschliche Anschauungsform, die das Wahrgenommene in ein erlebtes Nacheinander bringt.

Martin Heidegger wiederum misst dem Erleben von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft besondere Seins-Zustände bei. Er spricht von dem „Schon-Gewesen-Sein“, vom „Sein-Bei“ und vom „Sich-Vorweg-Sein“. All diese Zustände drehen sich für ihn um die Grundstimmung des „Besorgt-Seins“, welche der Ausrichtung des Lebens auf den Tode hin entspringt. Für Heidegger ist Zeitlichkeit schlechtweg der Sinn der Sorge.

Wie auch immer wir die Zeit bestimmen wollen, Zeit betrifft uns unmittelbar. Sie macht uns gegenwärtig, was ist und was nicht ist. Sie lässt uns einander überhaupt erst begegnen, weil sie uns allen gleichermaßen als Ordnungsprinzip dient, und sie lässt uns für uns selbst und für andere Sorge tragen. Die Zeit ist so allgegenwärtig, dass wir ihren verbindenden Wert für das Miteinander der Menschen gerne übersehen. Wenn wir die Weihnachts-Zeit nach diesem Wert ausrichten, dann kann aus ihrer Bedenklichkeit vielleicht doch noch Besinnlichkeit werden. Wir wünschen Ihnen deshalb Zeit für einander und schließen mit dem Gruß der Philosophen, wie ihn Ludwig Wittgenstein uns anempfohlen hat: „Lass Dir Zeit“.

Dr. phil. Bernd Waß, MSc. & Mag. Heinz Palasser, MBA, MSc im Web
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